News

Schluss mit Pharisäer-Schelte: Kongress in Rom mit 350 Gelehrten und Papstaudienz

von Pia Seiler

Sie kommen am Sonntag oft in den Evangelienlesungen vor: die Pharisäer. Während einer Fachtagung Anfang Mai in Rom haben sich rund 350 jüdische und christliche Gelehrte differenziert mit den Pharisäern auseinandergesetzt. Sie fordern, dass endlich Schluss ist mit Pharisäer-Schelte.

Mit dabei war Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten. Er engagiert sich seit Jahren für den christlich-jüdischen Dialog. Eine Papstaudienz gab der Tagung Gewicht. «Solche Tagungen sind sehr wichtig, damit nicht christlicher Antijudaismus genährt wird», sagt Christian Rutishauser. Insbesondere in einer Zeit, in der Antisemitismus in der Gesellschaft wieder wachse.

Lesen Sie das Interview mit Christian Rutishauser SJ

Und hören Sie den Beitrag mit ihm auf SRF 2 Kultur vom 12. Mai

 


Evangelium des Tages in einer Minute: am zweiten Mai-Sonntag mit Martin Föhn SJ

von Pia Seiler

Junge Jesuiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen mit einem neuen Social Media-Format in Serie: Sie bringen im Wochentakt das jeweilige Sonntags- oder Feiertagsevangelium in einer Minute auf den Punkt. Am zweiten Mai-Sonntag führt erstmals ein Jesuit aus der Schweiz die Reihe weiter: Martin Föhn SJ über Schafe und Löwen.

Die Idee der «One Minute Homily» OMH: Zu Sonn- und kirchlichen Feiertagen bringt ein Jesuit das Evangelium des jeweiligen Tages in einer Minute auf den Punkt. Denn während die Zahlen der Kirchenbesucherinnen und -Besucher sinken, steigen die Klickzahlen im Internet. Die Menschen sind nicht weniger spirituell interessiert als früher, doch die Kanäle und die Art und Weise, Inhalte rüberzubringen, haben sich geändert – und ändern sich stetig weiter. Deswegen wollen junge Jesuiten die Botschaft des Evangeliums in einer verständlichen Alltagssprache via Social-Media-Kanälen religiös Interessierten näher bringen.

Erstmals haben sich junge Jesuiten aus den USA mit OMH an ein grösseres Publikum gewandt. Im Advent 2018 nun hat Dag Heinrichowski SJ mit seinen Mitbrüdern vom Berliner Canisius-Kolleg das Format für den deutschsprachigen Raum getestet. «Es ist natürlich schon eine Herausforderung, einen Gedanken zum Evangelium in so kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen, aber die Rückmeldungen waren sehr positiv – gerade auch von unseren Jugendlichen am Kolleg», sagt der Scholastiker aus Hamburg. Die Zugriffszahlen auf das Youtube-Video und auf die Facebook-Seite der Jesuiten waren so überzeugend, dass sich eine Gruppe von zehn jüngeren Jesuiten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gefunden hat, die mit ihren Mini-Predigten die Botschaft Jesu ins Netz bringen wollen.

12.5.2019: Martin Föhn SJ über Schafe und Löwen (Joh 10, 27-30)

4.5.2019: Martin Rieder SJ über die Zeit nach Jesu Tod (Joh 21, 1-19)

28.4.2019: Jonas Linz SJ über die Kraft der Nähe

20.04.2019: Clemens Kascholke SJ über die Wirkung von Ostern heute

18.04.2019: Jonas Linz SJ zu Jesus' Kreuzigung (Joh 18,1-19,42)

17.04.2019: Max Heine Geldern SJ zum letzten Abendmahl (Joh 13, 1-15)

13.04.2019: Christian Braunniger SJ zum Palmsonntag (Lk 19, 28-40)

6.4.2019: Sebastian Ortner SJ über Jesus und die Ehebrecherin (Joh 8, 1-11)

30.3.2019: Jonas Linz SJ über den barmherzigen Vater (Lk 15, 1-3.11-32)

23.3.2019: Marco Hubrig SJ über die Verkündigung Mariens (Lk 1, 26-38)

Wunsch von Clemens Kascholke SJ für die nächste Woche (Lk 9, 28b-36)

Gerald Baumgartner SJ zu den 40 Tagen von Jesus in die Wüste (Lk 4, 1-13)

Dag Heinrichowski SJ zum «richtigen Fasten» (Mt 6, 1-6.16-18)


Living Stones - lebendige Steine, lebendiges Treffen: Bildungs-Camp in Zürich

von Pia Seiler

Zeitgenössische Kunst in Verbindung mit Spiritualität – dies war die Klammer des diesjährigen Bildungs-Camps von Living Stones, das erstmals in der Schweiz stattfand: Am ersten Mai-Wochenende trafen sich junge Frauen und Männer aus 15 Ländern in Zürich.

Ob versierte Living Stoner mit Erfahrung in Kirchenführungen, Einsteiger aus Kiew und Chicago oder gänzlich Neulinge: Das viertägige Zürcher Treffen mit 120 jungen Frauen und Männern aus 15 Nationen entwickelte bald einmal eine ganz eigene Dynamik. Alle Beteiligte mitgezählt, trafen sich 140 Menschen in und um die Stadtzürcher Liebfrauenkirche. Beim Reden und Essen, Zuhören und Beten wuchs die Gruppe zusammen. Hatten die Organisatoren zu Beginn noch Bedenken wegen den eher knappen Räumlichkeiten im Pfarreizentrum, zeigte sich, dass dies für die Vertrautheit der jungen Leute mit ihrem Akzent auf Bescheidenheit durchaus förderlich war.

Living Stones, lebendige Steine sind besondere Kirchenführungen: Junge Guides begleiten Gäste auf kunstgeschichtlich-spirituelle Touren. Kunstsachverstand ist für die Guides denn auch unerlässlich. In Zürich stand die zeitgenössische Kunst im Fokus. Für Impulse sorgten Fachleute mit Vorträgen, Workshops und Exkursionen ins nahe Grossmünster,  Fraumünster und Kunsthaus, wo Polke, Chagall, Mondrian und Beuys anhand von Orginialwerken studiert werden konnten. Grosse Beachtung fand zudem die Performance einer Tänzerin und zwei Tänzern des Zürcher Opernhaus-Balletts. Sie drückten im Tanz aus, was auch moderne Künstler als Thema immer wieder aufgreifen: die Verletzlichkeit, Vergänglichkeit des Menschen – seine persönliche Wunde, die durch Gottes Präsenz in der Stille heilen kann.

Für die geistliche Begleitung während den vier Tagen waren Andreas Schalbetter SJ, Studierendenseelsorger in Luzern und Jean-Paul Hernández SJ verantwortlich. Hernández (im Gruppenbild links) war massgeblich bei der Gründung von Living Stones 2008 beteiligt. Der Sohn spanischer Eltern wuchs in Biel auf, studierte in Fribourg und trat in Italien in den Jesuitenorden ein. In Zürich freute ihn besonders, miterleben zu können, wie sein Pflänzchen in all den Jahren zu einer Bewegung angewachsen ist. Mittlerweile führen 300 Living Stoner in 30 Städten durch die schönsten Sakralbauten Europas; in der Schweiz durch die Jesuitenkirche in Luzern, die Kathedrale in Fribourg und den Dom in St. Gallen

Norbert Bischofberger, Redaktionsleiter der Sternstunden des Schweizer Fernsehens, hat den Living Stoner Benjamin Ackermann durch den Dom von St. Gallen begleitet – jene Kirche, wo Bischofberger einst Ministrant war und die heute mit persönlich gefärbten, spirituellen Kirchenführungen neue Wege geht, um Besucherinnen und Besucher anzusprechen. Und Vera Rüttimann, Journalistin für kath.ch, berichtet vom Zürcher Bildungs-Camp und lässt die Freiburgerin Mirijam Fromm zu Wort kommen. 

Living Stones im Dom von St. Gallen, Blickpunkt Religion, 5. Mai 2019 SRF2 Kultur

Mirijam Fromm führt durch die Kathedrale in Freiburrg, kath.ch

Informationen zu Living Stones


Silja Walter, Mystikerin, Wortkünstlerin, Tanzende mit Gott: Einblicke zum 100. Geburtstag

von Pia Seiler

Lyrikerin Silja Walter (1919-2011) konnte bei ihrer Gottessuche wie keine zweite mit Worten tanzen und ihren religiösen Gefühlen Ausdruck verleihen. Aus dem Verlegerhaus Walter stammend, ist sie einen radikal anderen Weg gegangen als ihr Bruder Otto F., der Schriftsteller –  und hat ihn erst nach 20 Jahren im Kloster Fahr wiedergesehen, wo sie als Schwester Hedwig 62 Jahre als Benediktinerin lebte.

Lesen Sie dazu das Interview von Christian Ruthishauser SJ mit kath.ch

 

Zum 100. Geburtstag von Silja Walter veranstaltet das Lassalle-Haus die Tagung «Tanzendes Wort – poetische und spirituelle Inspiration aus dem Kloster» (30. Mai bis 2. Juni). Einblicke von Priorin Irene Gassmann, die Silja Walter in ihren letzten Jahren vorgestanden ist; Martin Werlen, ihr Beichtvater; Komponist Carl Rütti, der Texte von ihr vertont hat; Christian Rutishauser mit einem Workshop zu Silja Walter und ihrem atheistischen Bruder Otto F. Walter u. v. m. Zu Beginn der Tagung steht Christine Lathers Theateraufführung «Ich habe den Himmel gegessen» auf dem Programm (öffentliche Veranstaltung, mit Anmeldung).


Provinz-Symposium in Schwäbisch-Gmünd: ECE-Provinzen wachsen zusammen

von Pia Seiler

In der Osterwoche trafen sich an die 200 Jesuiten aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Litauen und Schweden zum Symposium in Schwäbisch-Gmünd. Gemeinsam Gottesdienstfeiern und beten, über die Sendung in den Bereichen Spiritualität, soziale Verantwortung und Bildung austauschen sowie Mitbrüderlichkeit pflegen: So wachsen die Jesuiten dieser Länder immer stärker zusammen. In zwei Jahren, im April 2021, sollen sie die Zentraleuropäische Provinz (ECE) bilden.

Eines der wichtigen Themen war die ökologische Herausforderung. Wie antwortet der Jesuitenorden darauf? An einem eindrücklichen Morgen mit einem Referat vom Gaël Giraud SJ, der seine familiäre Herkunft in der Schweiz und in Frankreich hat, wurden wissenschaftlich erhärtete Fakten vorgetragen. Es wurde zum Beispiel offenkundig, dass die Klimaveränderung am stärksten Teile der Erdbevölkerung weit weg von Europa trifft. Wir in Europa aber tragen Verantwortung mit. Es kristallisierten sich drei Beiträge heraus, die aus christlicher Verantwortung von den Jesuiten und ihren Institutionen geleistet werden können:

1. Der eigene Lebensstil muss weiterhin einfach bleiben und vermehrt die ökologischen Implikationen miteinbeziehen.

2. Es braucht politische Entscheidungen. Jesuiten können über Fachkompetenz auf verschiedenen Ebenen gesellschaftliche Prozesse mitprägen.

3. Die Schöpfungsspiritualität ist zu vertiefen. Der Glaube spricht nicht nur von Natur, sondern von Schöpfung. Was heisst das! Vor allem ist der Ohnmacht angesichts ökologischer Katastrophenszenarien entgegenzuwirken. Sie ist die Kehrseite vermeidlicher Selbsterlösung. Christlicher Glaube weiss, dass der Mensch Partner in der Schöpfung Gottes ist.

Das mitbrüderliche Treffen liess Ostern als Fest der Auferstehung und der Neuschöpfung vertieft miteinander begehen und feiern. Die Kraft und Motivation, die aus der gemeinsamen Sendung des Ordens wächst, waren mit Händen zu greifen.


Friedensmann von Homs: Frans van der Lugt SJ (1938-2014) – vom Tod ins Leben. Gedenkvideo zum 5. Todestag

von Pia Seiler

Er war ein Mann des Friedens und musste gewaltsam sterben: 50 Jahre hatte der niederländische Jesuit Frans van der Lugt in Syrien gewirkt, bis er am 7. April 2014 in Homs an der Türe der Ordensniederlassung niedergestreckt wurde – der Mörder hatte geklopft, und er hatte aufgemacht. Zum fünften Todestag nun legen die Jesuiten von den Niederlanden und Flandern einen eindrücklichen Animationsfilm vor: Sie lassen Abu na Francis (Pater Frans), wie ihn alle nannten, post mortem über seine letzten Tage sprechen.

Trotz monatelanger Belagerung und Hunger harrte der 75-Jährige in Homs aus, als letzter Jesuit zusammen mit Überlebenden. Die Liebe zum syrischen Volk trieb ihn an. «Ich sehe keine Muslime oder Christen, ich sehe vor allem Menschen», pflegte er zu sagen. Sein beherztes Engagement wurde weltweit beachtet und geht weiter. In Homs leben heute wieder vier Jesuiten. Kinder besuchen ihre Hausaufgabenkurse, hunderte nutzen ihre Kirche, die Gruppe «Foi et Lumière» setzt sich wie zu Pater Frans’ Zeiten für junge Behinderte ein. Und noch in seinem Todesjahr eröffnete der Jesuiten-Flüchtlingsdienst im Nachbarland Libanon, in Bourj Hammoud das Frans van der Lugt-Zentrum. Das Haus betreut heute 1 150 Familien, mehrheitlich Flüchtlinge aus Syrien. Der Fokus liegt auf ihren Kindern, die Stützunterricht erhalten, damit sie den Anschluss an die Schule nicht verlieren.

Animationsfilm über Frans van der Lugt SJ


Ostermeditation: Was ist Religion? Was ist eine gute Religion? Welches ist die richtige? Gibt es nur eine?

von Pia Seiler

Christian M. Rutishauser SJ

I. Religion und Glaube

Was ist Religion? Das, was mit Gott zu tun hat? Doch die alten Ägypter, Griechen und Römer hatten mit Göttern zu tun.
Was ist Religion? Lateinisch religio - Rückbindung, religare - zurückbinden an den Ursprung. Die Frage stellen, woher wir kommen und wohin wir gehen?
Was ist Religion? Lebenshilfe, Orientierung an letzten Werten, Deutung der Welt? Antwort auf die grundlegenden Fragen des Menschen?
Was ist Religion? Umgang mit Mächten und Kräften, Suche nach Ermächtigung in den Ohnmachtserfahrungen der Welt? Überwältigt werden.

Immer wieder sind Propheten aufgetreten, Priester haben Opfer dargebracht. Prediger und Künder, Nonnen und Mönchen, Schamanen und Heiler bevölkern den Erdkreis seit je. Viele Religionen hat die Menschheit hervorgebracht. Götter wurden geschaffen und Gott wurde behauptet. Zahlreich sind die Riten und Gebete, die Meditationswege und Pilgerfahrten. Tempel und Kirchen, Pilgerstätten und Pagoden, Klöster und Moscheen, Synagogen und Kapellen wurden gebaut. Philosophien und Lehrgebäude wurden errichtet, um diese und die jenseitige Welt zu verstehen. Unzählige Regeln und Gesetzte wurden aufgestellt, um dem Menschen den Weg zum Heil zu weisen; oft führten sie auch ins Unheil. Mystische Erlebnisse habe Menschen verändert. Charismatiker ziehen immer wieder viele Menschen an.
Was ist Religion? Was ist eine gute Religion? Welches ist die richtige Religion? Gibt es nur eine? Gibt es viele? 
Und was ist Atheismus? Was bedeutet es, für und in einer säkularen Gesellschaft zu leben? Auch die säkulare Welt hat Werte, auch sie hat ihre Philosophie. Auch der säkulare Mensch deutet und vollzieht sein Leben in Riten: Nationalfeiertage, Thementage von der UNO ausgerufen, Zeremonien in Politik und Wirtschaft, beeindruckende Liturgien im Sportstadion. Was ist das gute Leben? Welches ist die richtige Lebensweise jenseits organisierter Religion?

  • «Was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.»

  • Gott, dessen Name nicht aussprechbar ist und von dem sich niemand ein Bild machen kann, er hat auf den Aufschrei der Leidenden gehört.

Mögen säkulare Menschen, wie auch Anhänger von Religionen nach letzten Werten und Antworten suchen. Mögen Sie mit ihren Religionen Orientierung finden und sich an das Unsagbare herantasten. Unableitbar und unerwartet, jenseits aller Religionen und gleichsam durch alle Religionen hindurch,kommt Gott auf den Menschen zu. Er erwidert den Liebenden seine Liebe und führt die Leidenden zu Freiheit und Heil. Wer sich auf Gott einlässt, jenseits aller Religionen und durch alle Religionen hindurch, der glaubt. Glaube ist das grosse Wunder. «Glauben heisst festmachen in dem, was man nicht sieht.» Glauben heisst hören auf eine Stimme, die nicht spricht. Glaube, das grosse Paradox, das Religionen nicht einfangen können. Wohl dem, der glauben kann. Wohl der, die das Geschenk des Glaubens empfängt.

II. Exodus, Pessach und Abendmahl

Nicht in den Tempeln von Ägypten zeigt sich Gott. Pyramiden und goldenen Mumiensärge beeindrucken ihn nicht. Er hört auf den Schrei der Israeliten. Er wendet sich den ausgebeuteten Sklavenarbeitern zu. Ein Riss geht durch die Welt, und Gottes Herz ist aufgerissen. Er ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Gnade. Der Pharao soll sich bekehren, Arbeitsrechte geben, mit der Unterdrückung aufhören, die Israeliten ziehen lassen. Er will nicht, ist unfähig sich anzupassen, umzukehren, sich zu verändern. Plage über Plage kommt über Ägypten, damit der Pharao aufgerüttelt werde. Doch weder Blut im Nil noch Heuschrecken auf den Feldern, weder Hagel vom Himmel noch Blitz und Donner können den Pharao umstimmen. Nicht rachsüchtig ist Gott. Barmherzig ist er. Gott will die Sklaven retten. Es bleibt ihm nur noch eins: die Erstgeburt der Ägypter selbst zu töten. Wohin musste sich der gnädige Gott führen lassen! Es wird paradox. Ein blutiges Geschehen: Die Ägypten verlieren ihre Söhne und Töchter. Der Pharao reitet mit hoch erhobenem Arm, mit Ross und Wagen, Armee und Polizei in den Abgrund des Meeres. Gott aber führt die Israeliten heraus aus dem Sklavenhaus. Gott will die Freiheit, denn nur da ist Gerechtigkeit und Liebe möglich.
Pessach, das Fest der Juden. Jedes Jahr wird der Auszug aus Leid und Unterdrückung gefeiert. Exodus in die Freiheit, Exodus in die Erlösung ist immer neu zu leben und zu feiern. Bei jedem Frühlingsvollmond am 14. Nisan sitzen die Juden zusammen, erinnern sich, erzählen die Geschichte neu. «Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?» Ja, der Unsichtbare, von dem sich niemand ein Bild machen kann, er führt in die Freiheit. Er schenkt mit seinem Gesetz eine neue Ordnung, eine Ordnung der Gerechtigkeit. Jedes Jahr wird ungesäuertes Brot gebrochen, werden die Becher voll Wein getrunken. Gott als König will gelobt sein, der in dieser Nacht aus dem Elend herausgeführt. Er hört den Aufschrei und führt sein Volk ins gelobte Land. Da sollen Milch und Honig fliessen. Er führt sein Volk bis nach Jerusalem, in seine Gegenwart. «Nächstes Jahr in Jerusalem!» Mit diesem Ruf verhallt die erste Festnacht des Pessach.

«Geht voraus in die Stadt», sagt Jesus seinen Jüngern, «und bereitet das Pessachmahl vor.» Jesus will in Mitten seines Volkes, in Jerusalem selbst das Fest der Freiheit feiern. Von äusseren Mächten will Jesus befreien, aber auch von inneren Zwängen, von Sünde und Schuld. Jesus will mit seinen Anhängern ganz nach Gottes Gesetz in gerechter Ordnung leben. Das Reich Gottes soll anbrechen, in dieser Nacht. Im Kreis seiner Vertrauten feiert Jesus. Sie erzählen sich die Geschichte des Exodus. Und Jesus nimmt die ungesäuerten Brote. Und beim Brechen und Verteilen bricht er sich selbst, schenkt sich dahin. Er nimmt einen Becher voll Wein und stösst auf Gottes Taten an, die den Menschen aus den Kräften des Todes befreit; beim Weiterreichen des Bechers gibt er sich selbst dahin. Noch verstehen die Jünger nicht, in welch radikaler Weise nun Pessach gefeiert wird. Sie verstehen es auch tags darauf nicht, als ausgerechnet einer aus ihrem Kreis Jesus dem Hohenpriester übergibt. Als die Römer in schliesslich foltern und kreuzigen, fliehen sie. Die Römer lassen ihre Herrschaft der Ungerechtigkeit mit aller Härte auch Jesus und seine Jünger spüren. Unfreiheit, so paradox ist die Erfahrung der Jünger, wo sie doch Pessach feiern. Erst im Morgengrauen des ersten Tages der Woche gehen ihnen langsam die Augen auf: Der erstgeborene Sohn wurde blutig ermordet. In seiner Hingabe aus Liebe aber wird die Kraft sichtbar, die stärker ist als der Tod. Auferweckung von den Toten, Befreiung von den Fesseln der Ungerechtigkeit und Gewalt. Ein Auferstandener, der ihnen nie einen Vorwurf für ihr Versagen macht. Allein: «Friede sei mit Euch!» «Fürchtet euch nicht.»
Osterfest. «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat. Was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.»

III. Juden und Christen

«Die Herrlichkeit Gottes ist auf dem Antlitz Jesu Christi erschienen», schreibt Paulus. Und Christus ist gemäss dem Johannesevangelium das Paschalamm. Nicht nur den Schrei der Israeliten von einst und der Juden von heute, der Schrei von allen Menschen, die leiden und unfrei sind, wird von Gott erhört. Glaubt wie die Juden, ruft Paulus, ohne dass ihr Juden werden müsstet. Schliesst euch ihrem Messias an, der nicht nur äussere, sondern auch innere Unfreiheit überwindet, sagt er. Christus Jesus bringt umfassendes Heil, Schalom. - So entsteht langsam christlicher Glaube, das Christentum. Das Christentum ist ein Judentum für Nicht-Juden. «Verlasst eure Religionen und wendet euch dem Gott des Juden Jesu zu», hallt es nun durch die Weltgeschichte. Findet in euren Religionen und jenseits aller Religion und in aller säkularen Gesellschaft den Gott, dessen Name nicht aussprechbar ist und von dem man kein Bild machen kann. Allein der Aufschrei der Leidenden, im Gekreuzigten vor Augen geführt, und allein Freiheit und grössere Gerechtigkeit soll auch leiten. «Sucht zuerst Gottes Herrschaft und alles weitere wird Euch dazu geschenkt», spricht Jesus im Matthäusevangelium.
Seither stehen jüdischer Glaube und christlicher Glaube Seite an Seite. Schulter an Schulter sind Juden und Christen ausgerichtet. Beide sind auf dem Weg eines umfassenden Exodus. Sie lassen Ungerechtigkeit und Gewalt, Ausbeutung und Sünde, Todeskräfte und Unwahrheit hinter sich. Beide sind auf dem Weg in das gelobte Land. Sie lassen sich von Gottes Taten führen, in die Freiheit und in die Gerechtigkeit, in eine Kultur der Liebe. Mitten in einer Welt voll von Religionen und unterschiedlichsten Weltdeutungen, von Wertediskussionen und Meditationsangeboten, von Ritualen und säkularer Lebensweise scheint der Glaube auf. Er hat Anteil am Raum, der Gott dem Schrei der Leidenden eröffnet. Der Glaube schwingt ein in den Raum, der Gott den Liebenden schafft.
Evagrius Ponticus, ein Theologe aus dem vierten Jahrhundert, sieht Juden und Christen wie die Kundschafter, die ins gelobte Land vorausgegangen sind. Das Buch Numeri in der Hebräischen Bibel berichtet davon, dass sie im Land riesengrosse Früchte gefunden haben. Es fliessen da wirklich Milch und Honig. Eine Traube ist so gross, dass man sie an eine Stange hängen muss. Und die Kundschafter tragen diese Stange auf den Schultern und gehen hintereinander her. So schreiten sie mit der Traube an der Stange zwischen ihnen voran, den Blick ausgerichtet und voll Hoffnung. In der ganzen Welt sind sie Zeugen für die Verheissung, Zeugen für die Vollendung des Exodus im Reich Gottes. Der vordere Kundschafter ist für Evagrius das Judentum. Die Juden schauen nach vorn und haben die Traube im Rücken. Sie können und müssen sie nicht sehen. Der hintere Kundschafter ist für ihn das Christentum. Die Christen schauen auch nach vorne und haben die Traube immer vor Augen. Sie ist gemäss Evagrius Sinnbild für Christus, der sich mit Leib und Blut hingegeben hat.
Wir Christen stehen in der Karwoche. Mit Jesu feiern wird das Abendmahl. Es ist das Pessachmahl, wie er es mit seinen Jüngern gefeiert hat. Seine Hingabe steht im Zentrum und der Weg durch die Wüste ins gelobte Land steht bevor, der Weg des Karfreitags, des Leidens mit den Leidenden. Und es wird Ostern folgen, die Auferstehung von den Toten, Freiheit jenseits aller Kräfte von Ungerechtigkeit und Zwang, von Sünde und Tod. Und die Juden feiern nun am Freitagabend ihr Pessachmahl und eröffnen damit die achttätige Festzeit, die an den Auszug aus der Sklaverei und ihre Todeskräfte erinnert. Alles zum Frühlingsvollmond, weil ein neues Leben entstehen soll, das keine Ungerechtigkeit und keine Leiden mehr kennt, nur Gerechtigkeit und Freiheit, Wahrheit und Liebe.

IV. Schuldbekenntnis

Warum haben wir Christen die Juden immer wieder verachtet?
Warum konnten Glaubensgeschwister nicht in Frieden miteinander leben?
Warum kam es zu Hass und Verfolgung, zu Ungerechtigkeit bis hin zu Mord gerade von Christen an Juden? In den Karwochen brannten die Synagogen. In der Johannespassion werden die Juden pauschal negativ dargestellt.
War nicht Leiden und Aufschrei genug? Ist der Glaube nicht gerade im Namen von Freiheit und Liebe aufgetreten?
Verstehen wir eigentlich unseren Glauben? Was ist Glaube?
Immer wieder sind Christen und Juden zurückgefallen in die Rivalitäten der Menschen. Wie unversöhnte Geschwister haben sie sich gegenseitig bekämpft.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

Warum haben Christen andere Religionen verachtet und bekämpft?
Warum konnten sie nicht die Wahrheiten, die ihnen aufscheinen, wertschätzen bei allem Wissen um den eigenen Glauben?
Warum wurde im Namen von Gott und im Namen des Glaubens Gewalt ausgeübt?
War nicht schon Aufschrei genug in der Welt, ein Riss, der durch sie ging und nach Heilung verlangte?
Warum kam es zu Rivalität mit dem Islam, zur Verunglimpfung? Warum kann der Glaube der Muslime nicht wertschätzend angenommen werden?
Immer wieder sind Christen angesichts anderer Religionen zurückgefallen in die Rivalitäten der Menschen. Gottes Name wurde missbraucht, in seinem Namen Gewalt ausgeübt.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

Warum können Christen so schlecht mit der säkularen Welt umgehen? Einmal totale Ablehnung, dann wieder blinde Gefolgschaft?
Warum fällt es so schwierig, einen Standpunkt aus dem Glauben einzunehmen und die anderen trotzdem zu achten?
Warum fehlt der Mut, in der säkularen Gesellschaft für den Glauben einzustehen, ihm Sprache zu geben?
Warum ist die Glaubenssprache zerfallen, nicht mehr verstehbar? Haben wir sie nicht gepflegt, nichts mehr in Glaubensbildung investiert? Ist Glaube zur Folklore verkommen.
Immer wieder sind Christen angesichts der säkularen Welt zurückgefallen in Zweifel, sind hin und hergerissen zwischen Selbstgerechtigkeit und Minderwertigkeitsgefühl. Gott wurde nicht mehr bezeugt.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

V. Die Botschaft vom Kreuz

Sich auf die Mitte des Glaubens zurückbesinnen, auf Jesu Worte und auf sein Wirken, vor allem aber auf sein Sterben am Kreuz. Jesus lehrt Gottes Willen ungeachtet der rivalisierenden Auslegungen von Gottes Wort durch die religiösen Bewegungen der Schriftgelehrten und Pharisäer, der Sadduzäer und Essener. Jesus lehrt, dass alle Menschen berufen sind, in Freiheit und Gerechtigkeit zu leben. Er setzt sich ein für die Randständigen und Kranken. Auch sie sind berufen. Er fordert die religiöse Elite heraus. Reich Gottes ist seine einzige Devise. Es kann nicht anders sein, als dass Viele sich provozieren lassen! Wahrheit und Gerechtigkeit provoziert immer. So gerät Jesus ins Zentrum der Interessenkonflikte. Sogar seine Jünger, die ihn machtvoll zum Messias machen wollen, stolpern über ihre eigennützigen Interessen. Nicht nur Unrecht und Gewalt, prallt auf Jesus ein. Auch das schrecklich Gutgemeinte, denn das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Jesus aber lässt sich nicht beirren. Er bleibt verwurzelt in tiefer Beziehung mit Gott. Er schlägt nicht zurück. Er handelt nicht im Eigeninteresse, nicht im Interesse seiner Bewegung, die er geschaffen hat. Er steigt auf das Spiel der Rivalitäten nicht ein. Er lässt sich nicht zu Machtspielen und Gewalt hinreissen. Er kann sich nur hingeben. Er wird zwischen den Mächten zerrieben. «Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht», hat er seine Jünger ja immer schon gelehrt. Und er versuchte, ihnen beizubringen: «Der Menschensohn muss viel Leiden.» Jesus weiss schon aus den Psalmen und den Propheten, dass der Gerechte ohne Selbsthingabe und Leid nicht auskommt. So ringt es ich durch, in der Nacht nach dem Pessachmahl, im Garten Getsemani: «Lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Er bewahrt seine Freiheit. Um der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen, um der Liebe und Freiheit willen sagt er ja zum Leiden und zur Folter am Kreuz. Er wird nicht zurückschlagen. Getsemani ist die entscheidende Stunde. Hier zeigt er seinen freien Willen. Hier schwingt er ein in Gottes Willen. In Getsemani entscheidet er sich.
Und weil Jesus diese gewaltlose Freiheit lebt, wird sein Sterben erlösend sein. In Getsemani schlägt die Stunde der Erlösung. Danach läuft alles ganz rasch ab, wie in einem Film, keine zwölf Stunden und er ist tot. Das Ja zu seiner Sendung in Getsemani trägt durch die Stunden der Folter, durch das Geschehen der Kreuzigung. So kann er sterbend, am Kreuz erhöht, ausrufen: «Es ist vollbraucht.» Die Botschaft vom Kreuz ist die Botschaft der Treue zum Auftrag Gottes. Die Treue zu einem Leben, das sich ganz von Gerechtigkeit und Freiheit, von Wahrhaftigkeit und Liebe prägen liess. Es bewährt sich unter den widrigsten Umständen. Jedes Ego ist überwunden, jede Selbstbezogenheit, jeder Narzissmus. Weil sich Jesus nicht auf die Machtspiele der Mitmenschen, nicht auf die Rivalitäten der Gruppen, nicht auf die Eigeninteressen der Menschen – und mögen diese noch so edel sein –eingelassen hat, darum kann das Kreuz erlösen. Was mit dem Exodus aus dem Sklavenhaus in Ägypten begonnen hat, vollendet sich vor den Toren der Stadt Jerusalem. Ein Leben in einer reinen Kultur der Hingabe und Liebe. Doch jede Gesellschaft ist auf Opfer gebaut. Jemand muss den Preis für friedliches Zusammenleben bezahlen. Normalerweise sind es die Ausgebeuteten und Armen, die Verachteten und Ausgestossenen. Bedenken Sie: jede Gesellschaft hat eine Leiche im Keller, nicht nur das alte Ägypten. Weil Jesus darum weiss, bezahlt er den Preis gerade selbst: Selbsthingabe und Tod am Kreuz. Für das neue Gottesvolk, das entstehen soll, hat Jesus den Preis bezahlt. Die Kirche ist vom Geiste her gesehen die einzige Gemeinschaft, die keine fremde Leiche im Keller hat, weil der Leichnam Jesu daliegt. Ach, hätte doch auch die Kirche heute, wie wir sie real existierend kennen, keine Leiche im Keller! Gott Jesu Christi, erbarme dich unser!

VI. Das Evangelium der Auferstehung

Sich auf die Mitte des Glaubens zurückbesinnen, auf Jesu Worte und auf sein Wirken, vor allem aber auf seine Auferweckung durch Gott. «La resurrection est une affaire de la justice», rief uns Studenten einst Prof. Leon Dufour entgegen. «Die Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.» Gott lässt den Gerechten nicht im Stich. Die Machtinteressen und Rivialitäten, die Ungerechtigkeit und die Gewalt haben nicht das letzte Wort. Sie dürfen nicht das letzte Wort haben. Gott erweckt die Opfer der Gewalt. Hat Gott schon aus dem Nichts das Universum erschaffen, wie leicht ist es für ihn, aus dem Tod den Gerechten zum Leben zu erwecken. Aus Liebe hat er das Universum geschaffen. Seine Liebe ist stärker als der Tod. Nur die Gerechtigkeit und Liebe, die Freiheit sind stärker als der Tod. «Der Gerechte wird leben», heisst es in den Psalmen. Christus ist der Gerechte. Er ist zu Gott erhöht. Aus ihm strömt der Geist Gottes, das Leben für die Welt. Weil wir Menschen aber alle verstrickt sind in Macht und Eigeninteressen, weil unsere Egos rivalisieren, weil wir alle gewalttätig sind und eine Leiche im Keller haben, sind wir alle sterblich. Doch sofern wir gerecht handeln, wahrlich aus Liebe leben, kann der Tod uns nichts anhaben. Stärker als der Tod aber sind wir nicht aus uns selber, sondern weil wie Teilhaben an der Gerechtigkeit Jesu, an der Wahrhaftigkeit, mit der er gelebt hat. Wir werden auferweckt von den Toten, weil wir an der Hingabe und Liebe Christi teilhaben, in ihm gerecht gemacht sind. «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir», ruft Paulus aus. Er lebt mit diesem Christus und in diesem Mitsein mit ihm wird ihm das Leben in Fülle zu Teil, Freiheit und Gerechtigkeit.
«Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.» «Was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.» An Ostern geht es nicht um die Unsterblichkeit der Seele. Es geht beim Frühlingsvollmond nicht wie im November um die Sterblichkeit des Leibes und die Unsterblichkeit der Seele. Über Fragen der Endlichkeit spekulieren die Philosophen. Darüber diskutiert die säkulare Gesellschaft. Die Religionen haben der Sehnsucht nach Unendlichkeit und Unsterblichkeit einen Ausdruck gegeben. Von feinstofflichen Mächten, von Engeln und Seelen wird gesprochen. Was könnte nach dem Sterben weiterleben, was nicht? Was geschieht im Werden und Vergehen der Dinge und der Menschen? All das interessierte schon die Israeliten in Ägypten nicht. Sie hatten keine Zeit zum Philosophieren. Sie waren Sklaven. Sie schrien nur nach Gerechtigkeit und Freiheit. Weltanschauungen und Religionen mögen ihre Antworten versuchen. Alles ist eine Frage der Ethik sagt der Glaube. So machten sich die Juden im Glauben und im Vertrauen an Gott fest, dass Gewalt und Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort haben. Das Töten darf nicht siegen. Und an der Folter und am Mord des jungen Juden aus Nazareth, gut 30 Jahre alt, offenbart Gott nochmals diese Wahrheit. Wäre Jesus alt und lebenssatt geworden, mit über 80 Jahren gestorben, Gott hätte an ihm den Primat von Gerechtigkeit und Liebe, von Wahrhaftigkeit und Freiheit nicht zeigen können. Doch der Jude Jesus aus Nazareth hat gelehrt und gewirkt in nur wenigen Jahren. Er ist ein echter Israelit. Er steht in der grossen Heilsgeschichte jenes unsichtbaren Gottes, von dem man kein Bildnis machen kann. Doch dieser Gott, der nicht mit den Göttern zu vergleichen ist, beruft seit Abraham und Sara Menschen zu Gerechtigkeit und Freiheit. Jesus gibt diesen Glauben von Mose, Elija und von den Propheten weiter. Er vertieft ihn. Diesen Jesus hat Gott von den Toten erweckt und zu seiner Rechten erhöht. Er liess ihm Gerechtigkeit widerfahren. In der Ausgiessung seines Geistes, im Leben des Heiligen Geistes stehen wir heute als Christen und Christinnen, als Kirche, an der Seite der Juden. «Erhebt euer Haupt und lebt nach seinem Willen!» Singt an Ostern in überbordender Freude: «Halleluja! Jesus lebt. Halleluja, das Reich Gottes ist nahe.»

 


P. Rutishauser SJ in der «Rundschau» zum geplanten Rückzug von Bischof Huonder bei den Piusbrüdern

von Pia Seiler

Der Churer Bischof Vitus Huonder will sich in ein Internat der Piusbrüder zurückziehen. Er habe einen Auftrag, den Kontakt mit der Piusbruderschaft zu pflegen. Der Vatikan widerspricht, so die Nachrichtensendung Rundschau des Schweizer Fernsehens in ihrer Ausgabe vom 10. April 2019.

Die Nachricht, dass sich Bischof Huonder in das Knabeninternat «Sancta Maria» der Piusbrüder in Wangs (SG) zurückziehen will, hat von Anfang an für Kritik gesorgt. Laut Erklärung seines Sprechers Giuseppe Gracia im Januar 2019 stehe dieser Schritt im Zusammenhang mit einem Auftrag der Glaubenskongregation in Rom: Bischof Huonder solle den Kontakt mit der Piusbruderschaft aufrechterhalten.

Nun widerspricht der Vatikan. Auf Anfrage der Nachrichtensendung Rundschau des Schweizer Fernsehens teilt Rom mit: «Der Pressestelle ​​des Heiligen Stuhls ist kein offizieller Auftrag der Glaubenskongregation an Bischof Vitus Huonder bekannt, um den Kontakt mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu halten.» Das Bistum Chur und die Piusbrüder seien gegenüber SRF zu keiner Stellungnahme bereit gewesen, teilt die Rundschau-Redaktion mit.

«Jetzt steht Aussage gegen Aussage», sagt Christian Rutishauser SJ, der im Rundschau-Beitrag zu Wort kommt. «Die Quelle, der ich letztlich vertraue, ist der Vatikan.» Der Provinzial der Schweizer Jesuiten vermutet im TV-Beitrag, Bischof Huonder habe wohl versucht, mit Verweis auf Rom seinen Umzug zu den Piusbrüdern zu legitimieren. Für Rutishauser stehen die Piusbrüder für «Fundamentalismus» und «Revisionismus», die versuchten, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Christian Rutishauser: «Die Piusbruderschaft ist antijudaistisch. Sie sehen die Juden als Gottesmörder. Ihre Liturgie hat ein negatives Judenbild.»

Hier gelangen Sie zum geplanten Rundschau-Beitrag

 


Borderlines: 70 n. Chr. entstehen zwei neue Religionen. 10 Thesen zum jüdisch-christlichen Dialog

von Pia Seiler

Der Prozesses der Ausdifferenzierung von rabbinischem Judentum und patristischem Christentum erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte. Diese Grenzziehung wird heute oft mit dem Wort «Borderlines» bezeichnet.  P. Christian Rutishauser SJ präsentierte am 30. März in Frankfurt  10 Thesen für den aktuellen jüdisch-christlichen Dialog angesichts dieses langsamen Auseinandergehens der Wege. Eingeladen hatte das Haus am Dom, die katholische Akademie Rabanus Maurus.


«Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht»: Christian Rutishauser zur Bach-Kantate

von Pia Seiler

Musikalisch, auch theologisch hat es die Bach-Kantate BWV 105 in sich: harsche Selbstanschuldigung – dann die tröstende, ja wunderbare Wende hin zu vertrauendem Glauben als Gnadengabe. Im Folgenden Gedanken dazu von Christian Rutishauser SJ, ein grosser Liebhaber klassischer Musik und insbesondere aus der Provenienz Johann Sebastian Bachs. Rutishauser war geladener Redner der Bachstiftung, die am 22. März in Trogen AR das Werk zur Aufführung brachte. Hören und lesen Sie hinein in die durch Mark und Bein gehende Kantate.

Bach-Kantate «Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht»


Liess Papst Pius XII. Judenvernichtung zu? Christian Rutishauser SJ im «Tachles»-Interview

von Pia Seiler

Christian Rutishauser SJ ist Mitglied der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Er spricht in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitschrift Tachles über die Öffnung des sogenannten Geheimarchivs rund um die Dokumente von Papst Pius XII.

Es soll sich um rund 200 000 Dokumente handeln, darunter Schriften zur berühmten Weihnachtsansprache des Papstes von 1942. Dazu Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten:

«Diese Weihnachtsansprache steht exemplarisch für die Haltung von Pius XII. gegenüber der Judenvernichtung. Er prangert öffentlich an, dass Menschen wegen Rasse und Nationalität verfolgt und umgebracht werden, nennt die Juden aber nicht explizit.»

Lesen Sie hier weiter


«Säkularisierungs-These muss revidiert werden»: Christian Rutishauser SJ in «Stimmen der Zeit»

von Pia Seiler

Der Provinzial der Schweizer Jesuiten Christian Rutishauser SJ schreibt in der aktuellen Ausgabe der Monatszeitschrift Stimmen der Zeit:

«Die europäische Moderne lebt aus dem Mythos der Säkularisierung: Fortschritt gebe es nur, wenn Religion überwunden und die Welt entzaubert werde. Die Zukunft gehöre der Aufklärung und Wissenschaft; Religion habe keinen Platz.

Auch wenn diese weltweit zurückgedrängt wird und Wissenschaftsgläubigkeit dominiert, ist die klassische Säkularisierungsthese inzwischen falsifiziert. Säkularisierung bedeutet zwar Entchristlichung und Entkirchlichung, doch das Religiöse bleibt. Will man weiterhin von Säkularisierung sprechen, ist darunter ein Prozess der Pluralisierung, Individualisierung und Privatisierung des Religiösen zu verstehen. Viele Bereiche, die einst an die Kirche gebunden waren, wie das Diakonisch-Soziale, die Medizin, die Kunst, haben sich verselbstständigt. Sie werden nun von säkularen Institutionen getragen.»

Hier gelangen Sie zum Artikel