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Mit dem Ignatianischen Tagesrückblick zur Dankbarkeit

von Pia Seiler

Bertram Dickerhof SJ

Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!» – vor allem Kern der Ignatianischen Spiritualität der Jesuiten. Er ermöglicht Menschen eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Das ist für Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, von besonderer Bedeutung: Die innere Freiheit ermöglicht Handeln. Als zweiter Impuls heute: Wie dies mit Hilfe des Tagesrückblicks zu erlangen ist, erklärt der deutsche Jesuit Bertram Dickerhof SJ. Zum ersten Impuls von Niklaus Brantschen SJ gelangen Sie hier. 

Für Ignatius von Loyola waren Bewusstheit und innere Freiheit von zentraler Bedeutung. Immer wieder hat er empfohlen, sich stets die Freiheit des Geistes zu bewahren, unbeeinflusst von menschlicher Rücksicht: «Du solltest immer frei sein für das Gegenteil dessen, was du gerade tust, und diesen inneren Selbstbesitz dir durch kein Hindernis entreissen lassen.» Rücksichtnahme auf andere darf also nicht zum Gesetz des Handelns und Tätig-Sein nicht zum Mittel oder zur Rechtfertigung des Verlustes seiner selbst werden. Diese Freiheit des Geistes erlaubt Distanz, die es sowohl ermöglicht, in allem Gott zu finden, als auch dem Anderen personal zu begegnen. Darin aber liegt wahre Erfüllung. «Alles wirkliche Leben ist Begegnung» (Martin Buber) – auch wenn unsere Welt das Aufgehen (oder ist es ein Untergehen?) in Job, Genuss und symbiotischen Beziehungen vorzuziehen scheint. 

Der bewusste Selbstbesitz in innerer Freiheit ist im stressigen Alltag nicht ohne weiteres aufrecht zu erhalten, auch nicht nach einer morgendlichen stillen Zeit: Arbeitsdruck und gute oder schlechte Erlebnisse bemächtigen sich der Person. Der von Ignatius mittags und abends vorgeschlagene Rückblick auf den vergangenen halben Tag dient dazu, sich seiner selbst wieder bewusst zu werden und innere Freiheit zurückzugewinnen.

Es geht nicht um Kontrolle von Moral oder Vorsätzen in der Viertelstunde dieses Rückblicks, der passend «Gebet der liebenden Aufmerksamkeit» (Willi Lambert SJ) genannt wird: An einem ruhigen Platz unterbricht der Beter, die Betende die Antreiber des Alltags und schaut mit dem liebenden Blick Gottes auf sich selbst. Hilfreich ist, wenn man  zunächst einige Minuten tief, langsam und entspannt atmet und den Weg des Atems im Körper bewusst verfolgt. Das tiefe und langsame Atmen beruhigt und öffnet den Leib. Sodann nimmt man  wahr, wie es einem geht, was man vom Körper, von der Stimmung spürt. Und schaut, was einem aus der vergangenen Tageshälfte noch nachgeht und die innere Freiheit bindet. Der Geist wird nicht durch Analysieren und Verstehenwollen beruhigt, er wird vielmehr von den Gefühlen gestaltet. Deswegen ist ein entscheidender Schritt, nach den Gefühlen Ausschau zu halten, die mit dem Ereignis oder Thema, das den Betenden, die Betende beschäftigt, einhergeht und den Atem mit dem aufmerksamen Verweilen bei diesen Gefühlen zu verbinden. Das verschafft Abstand. Der Geist wird wieder freier. Allerdings muss man das Wahrnehmen seiner Gefühle geduldig üben und dazu bereit sein, Angenehmes los- und Unangenehmes dasein zu lassen. Beim Loslassen von Befriedigungen hilft, wenn man auch deren Kehrseite spürt, nämlich den Unfrieden, die Erregung und die Tendenz, «aus dem Häuschen» zu geraten. Wenn man dankt, kommt man zurück auf den Boden der Wirklichkeit: Erfolg, Lob, gute Begegnungen… sind bei allem eigenen Zutun immer auch unverfügbares Geschenk, das man empfangen durfte. 

Unangenehme Gefühle erinnern daran, dass das Aushalten von Spannung Grundlage des geistlichen Weges ist. Nicht umsonst ist das Kreuz das Markenzeichen des Christlichen. Das Dasein-Lassen des Störenden in der mit dem Atem verbundenen Wahrnehmung macht die Spannung aushaltbar. Der Betende, die Betende kann zudem Gott Klagen und Bitten, Proteste oder Reue anvertrauen. Später wird man auch für die erlebte Grenze danken können: an ihr erweisen sich manche der selbstverständlichen Vorstellungen vom Leben, von den anderen, der Welt, sich selbst als illusionär. Das bisheriges Selbstverständnis «stirbt» und man wird befreit dazu, mehr aus dem wahren Selbst und aus dem Grund aller Wirklichkeit, der unbedingte Liebe ist, zu leben. Staunend sieht der Betende, die Betende, dass in der bis auf den Grund durchlebten Ernüchterung reine Freude liegt, die den Geist ruhig macht und frei. So ist am Ende auch Unangenehmes ein Anlass zum Danken.

Oft fällt eine Idee für den nächsten Schritt bei diesem Rückblick ein, der zum Beispiel mit dem Vaterunser abgeschlossen wird.

Das Bewusstwerden bringt mich mit mir selbst in Kontakt, meine innere Klarheit und Entschiedenheit kann wachsen. Aus dem neu gewonnenen Bewusstsein kann Zufriedenheit und Glück wachsen. Das betende Üben stärkt nicht nur mein Selbstvertrauen, sondern prägt auch eine Achtsamkeit für Gottes Führung und Wirken in meinem Leben.

Anleitung:

Still werden. Den Atem spüren. 

Mich in Gottes Gegenwart stellen. 

Gott um einen ehrlichen Blick bitten. 

Auf den Tag schauen. 

Verweilen, wo ich angesprochen bin. 

Dank für Alles, was gut war. 

Bitte um Verzeihung für alles Ungute. 

Meine Pläne für Morgen Gott anvertrauen.

Vater Unser beten. 

AMEN.

 

Wofür sind Sie dankbar?
Schreiben Sie uns an redaktion@jesuiten.ch, wir veröffentlichen Ihren Beitrag an dieser Stelle.

 


10 Jahre an der Seite von Geflüchteten: Christoph Albrecht SJ berichtet

von Pia Seiler

Abgewiesene Asylsuchende in Kloten ZH beim gemeinsamen Kochen

Vor zehn Jahren gab Christoph Albrecht SJ dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz/ JRS Schweiz die erste Kontur. In den Folgejahren fokussierte er sich auf Orte im Land, wo Menschen die grösste Not erleiden. So kam er auf die abgewiesenen Asylsuchenden. «Sie leben meist in sehr prekären Situationen, ohne Möglichkeit, Perspektiven zu entwickeln, ohne ihre Traumata aufarbeiten zu können». Im Folgenden berichet Albrecht über ein Jahrzehnt im Dienste dieser Menschen.  

Sein Einsatz fusst im Engagement von P. Pedro Arrupe SJ: Im November 1980 gründete der damalige Generalobere in Rom den internationalen Jesuiten-Flüchtlingsdienst/ Jesuit Refugee Service JRS. Arrupe war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Vierzig Jahre später sind laut UNHCR gegen 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht; es ist die höchste erfasste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Toni Kurmann SJ berichtet im Anschluss über den JRS International und das weltweite Engagement der Jesuiten, das nötiger denn je ist. 

JRS Schweiz als Brückenbauer und Begleitung auf Augenhöhe 

Von Christoph Albrecht SJ

Viele Fragen waren offen, als ich im Oktober 2009 in Basel neben der Universitätsseelsorge den Auftrag bekam, in der Schweiz den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) aufzubauen. Dafür wurde ich vom Orden im Umfang einer 50-Prozent-Stelle freigestellt. Die mutigen Frauen des Solinetz Basel waren meine ersten Lehrerinnen. Sie begleiteten mich zu meinen neuen Lehrern, den abgewiesenen Asylsuchenden. 

Aufbauarbeit in Basel 
So gut es ging, versuchten wir diese zu begleiten, auch mit Gefängnisbesuchen, wenn sie in Ausschaffungs- oder Beuge- haft waren. Sonst wohnten sie in einer Notunterkunft (in Basel-Land) oder in der Notschlafstelle (in Basel-Stadt), die sie tagsüber immer verlassen mussten. 
Als Antwort darauf betrauten mich das Sozialamt Basel-Stadt und die kirchlichen Sozialdienste, eine Wärmestube für den Winter 2010/2011 einzurichten. Nur weni- ge kamen regelmässig und das Projekt wurde nach drei Monaten eingestellt. Die Idee hatte sich nicht genügend an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Aber das Projekt brachte uns neue Kon- takte zu Nothilfebetroffenen und ein motiviertes Freiwilligenteam, um einen neuen Deutschkurs zu starten. Und zwei Jahre später war auch unser Internetcafé eingerichtet. Sehr beliebt war der Deutsch- kurs der Studierenden der Katholischen Universitätsgemeinde. 
Im Sommer 2015 veröffentlichten wir die Migrationscharta (migrationscharta.ch). Sie verbindet seither ein ökumeni- sches Netzwerk von Engagierten in der Kirche. 

Unterstützung von Asylsuchenden in Zürich
Bei meinem Wechsel nach Zürich im Som- mer 2016 war ich froh um die verlässlichen Partnerinnen und Partner in Pfarreien, kirchlichen Sozialdiensten und Gemein- schaften in Basel. Diese sorgten für die notwendige Kontinuität in den zahlrei- chen persönlichen Unterstützungsbeziehungen. 
Mit der lokalen Verwurzelung des JRS Schweiz musste ich in Zürich neu begin- nen. Im Gespräch mit dem Solinetz Zürich und der Autonomen Schule wurde rasch klar, dass auch im Kanton Zürich die ab- gewiesenen Asylsuchenden am drin- gendsten Unterstützung brauchen. Regel- mässige Besuche in den Notunterkünften liessen seither helfende Beziehungen zu mindestens 150 Personen in grösster Pre- karität wachsen: ÖV-Monatsabonnemen- te, um Solinetz-Deutschkurse in den städ- tischen Pfarreien und Kirchgemeinden zu besuchen, Vermittlung von Anwältinnen und Anwälten, gesundheitliche Betreu- ung, Unterkunft und Beschäftigung, Begleitung bei Behördengängen, gemein- sames Kochen und Abendessen. Neu hin- zukommende Freiwillige und die Zusam- menarbeit mit verschiedenen Gruppen halfen mir bei diesen vielfältigen Auf- gaben und bestärkten mich weiterzu- machen. Dieses Zusammenspiel, ein ver- lässlicher Partner zu sein und zu erkennen, was der spezifische Beitrag von JRS Schweiz ist, bildet schliesslich den Boden für die spirituelle Dimension in dieser Arbeit. 

Glaube und Gerechtigkeit 
Die Arbeit des JRS ist seit seiner Grün- dung vor 40 Jahren nicht eindeutig als Sozialarbeit einzuordnen. Die spirituelle Dimension ist durch die geistliche Grund- ausrichtung des Jesuitenordens mitge- geben. Im christlichen Selbstverständnis geht es natürlich darum, alle Flüchtlinge zu unterstützen. Die Einsicht, auch frem- den Menschen aus der Not zu helfen, stützt sich vielleicht am deutlichsten auf das Gleichnis vom barmherzigen Sama- riter. Die Haltung gegenüber Geflüchte- ten im Speziellen findet in der biblischen Tradition den Bezug zu unzähligen Ge- schichten eigener Fluchterfahrung und im Verständnis des Lebens als Pilgerschaft überhaupt. 
Seit Mitte 1970er-Jahre gilt für den gan- zen Jesuitenorden: Der Einsatz für Glaube und der Einsatz für Gerechtigkeit sind eins. Diese Einheit berührt das Herz der jesui- tischen Sendung. Die Bedeutung des Sozialapostolats für den ganzen Orden war zum ersten Mal im Mai 1968 von den lateinamerikanischen Jesuitenprovinziä- len festgehalten worden. Damit folgten sie der Inspiration des damaligen General- oberen Pedro Arrupe SJ. 

Eher «mit» statt «für» 
Um die Formulierung dieser Einheit wurde seither immer wieder gerungen. Zuletzt zeigt sich diese Grundhaltung auch in den 2019 formulierten vier Universalen Apos- tolischen Präferenzen, an denen sich jedes Wirken von Jesuiten orientieren soll. Es geht um die Arbeit auf Augenhöhe. 
In einer vom Solinetz Zürich 2019 als Hilfestellung für ihre Freiwilligen heraus- gegebenen Broschüre schrieb ich: «Wenn ich mich für Menschen in Not einsetze, entstehen asymmetrische Beziehungen. Geflüchtete haben bei allem Erfahrungsreichtum, den sie mitbringen, viel weniger Handlungsmöglichkeiten als wir Freiwilli- gen mit sicherem Aufenthaltsstatus. Das können wir bei allem Streben nach einer Begegnung auf Augenhöhe nicht ignorie- ren. Doch das muss ja nicht für immer so sein: Wer gestern angekommen ist und vielleicht noch Jahre braucht, um hier Fuss zu fassen, wird sich im glückenden Fall bei uns doch immer mehr zuhause fühlen. Warum sollten wir uns also nicht jetzt schon als gute Nachbarn begegnen? Wa- rum nicht jetzt schon die Entstehung von guten Freundschaften zulassen? Und habe ich schon nach Wegen gesucht, mich gemeinsam mit Geflüchteten für ein Projekt, für eine solidarische Gesellschaft einzu- setzen?» 

Lernen von den Betroffenen 
Konkret lässt sich der methodische Grund- satz des JRS, der Dreischritt accompany – serve – advocate, am besten umsetzen, wenn er von einer Haltung des Lernens von den Betroffenen getragen ist. Bevor wir wissen können, wie wir jemanden un- terstützen können, gilt es, sich kennen zu lernen, Wegstücke miteinander zu gehen (accompany). Und wo Menschen grobem Unrecht ausgesetzt sind, wird eine Unterstützung (serve)notwendigerweise auch zu einem Akt des Widerstandes und der Verteidigung (advocate) gegen ebendieses Unrecht. 
JRS kann in verschiedenster Hinsicht eine Brückenfunktion einnehmen: Zwischen kirchlichen Institutionen und Gemein- schaften und engagierten Menschen in der übrigen Zivilgesellschaft, zwischen Behörden und Institutionen und Solidari- tätsbewegungen, in der funktionalen Ver- netzung zwischen lokaler, regionaler und internationaler Ebene, in der Verknüpfung von Themen politischer, juristischer, psy- chologischer, kommunikativer und reli- giöser Natur, zwischen Menschen, die die Arbeit mit Geflüchteten vor allem finan- ziell unterstützen, und solchen, die, auch dank entsprechenden Spenden, im direkten Kontakt mit Betroffenen wirken können. 

Engagement und Spenden 
Gerade in der Arbeit mit Menschen, die durch die schweizerische Asyladminis- tration unter dem Existenzminimum gehalten werden, ist man auf finanzielle Mittel angewiesen. In den vergangenen 10 Jahren wurde der grösste Teil der ein- gegangenen Spenden zur Bezahlung von Monatsabonnementen des regionalen ÖV gebraucht. Der zweitgrösste Teil wird zur Finanzierung des Lebensunterhalts von Geflüchteten im Kirchenasyl einge- setzt. Weitere Summen werden immer wieder zur Bezahlung von Anwaltskos- ten und von Strafen (wegen illegalem Aufenthalt) aufgewendet, um zu verhin- dern, dass letztere in Haft umgewandelt werden, in der abgewiesene Asylsuchen- de oft retraumatisiert werden. Der kleins- te Teil sind Spesen für Freiwillige. Lohn- kosten gibt es keine, weil ich für die Arbeit für JRS Schweiz vom Orden freige- stellt bin. Spenden nehmen wir gerne über das Konto von Jesuiten weltweit (Vermerk: JRS Schweiz) entgegen. Wer sich engagieren möchte, melde sich bei christoph.albrecht@jesuiten.org.

Zum Bild: Seit 2017 treffen sich abgewiesene Asylsuchende jeden Dienstag zum gemeinsamen Kochen und Abendessen in Kloten ZH; Christoph Albrecht SJ unterstützt dieses und weitere Treffen mit einer Besuchsgruppe. Am offenen Anlass sind auch Einheimische  herzlich willkommen. Foto: Christian Ender 



40 Jahre JRS International 

Am 14. November 1980 wurde der Flüchtlingsdienst der Jesuiten, Jesuit Refugee Service (JRS), in Rom von P. Pedro Arrupe SJ gegründet. Der damalige Generalobere war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Innerhalb weniger Wochen meldeten sich viele Jesuiten und andere, die sich für die Boatpeople engagieren wollten. Seit 40 Jahren antwortet der JRS aus einer christlichen Haltung heraus auf Flucht und Vertreibung von Menschen. 

Von Toni Kurmann SJ

Boatpeople wurden die Menschen genannt, die aufgrund der repres- siven Verhältnisse nach dem Ende des Vietnamkrieges 1975 ihre Heimat ver- liessen. Nach heutigen Schätzungen suchten 1,6 Millionen den Weg in eine andere Zukunft. Die Nachbarländer Kambodscha, die Volksrepublik China und Laos eigneten sich kaum als Zufluchtsorte. So blieb der Weg über das Meer in überladenen und nicht seetauglichen Booten als einzige Alternative. Geschätzte 250 000 Menschen fanden im Südchinesischen Meer den Tod. 

«So nicht!» 
Die Menschenrechte entstanden aus dem Entsetzen über die unzählbaren Opfer des 2. Weltkrieges (1939–1945). Eine neue glo- bale Solidarität führte 1948 zur Verab- schiedung der für uns heute verpflichten- den universalen Menschenrechte der Vereinten Nationen. Pedro Arrupe SJ war persönlich Zeuge einer der grössten hu- manitären Katastrophen des 20. Jahrhun- derts, dem Bombenabwurf auf Hiroshima 1945. Anlässlich einer Gedenkrede am 6. August 1980 verglich er das humanitäre Drama der Boatpeople mit Hiroshima. 
1980 hat sich aus dem Impuls «So nicht!» von Pedro Arrupe SJ die heute weltweit tätige humanitäre Organisation JRS ent- wickelt. Aus Mitgefühl (compassion) mit den Flüchtlingen haben sich über die Jah- re drei handlungsleitende Schwerpunkte des JRS herausgebildet: accompany (be- gleiten), serve (dienen) und advocate (sich einsetzen). Aus einer solidarischen christ- lichen Grundhaltung heraus werden Men- schen auf der Flucht nicht alleingelassen, sondern für ihre Nöte Lösungen gesucht, auch auf struktureller Ebene. Damals war Arrupe wohl der Meinung, es handle sich nur um ein temporäres Phänomen. Die Entwicklung der letzten 40 Jahre führt drastisch vor Augen: Das Schicksal der Geflüchteten hat sich zur grössten hu- manitären Krise der Gegenwart entwi- ckelt. Ende 2019 waren 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Wenn diese Zahl für ein Land stehen würde, wäre dies das 20-grösste der Welt! 

Engagement der Schweiz von Anfang an
P. Hubert Hänggi SJ und seine Mitarbei- tenden in der Missionsprokur der Schwei- zer Jesuiten kamen bereits in diesen ersten Monaten in direkten Kontakt mit dem JRS. Der erste Direktor des internationalen Büros in Rom, der deutsche Jesuit Dieter Scholz SJ, begann an den regelmässigen Treffen der zentraleuropäischen Missions- prokuratoren teilzunehmen. In dieser Run- de war er bestens bekannt, da er zuvor schon viele Jahre in Simbabwe (das im April 1980 unabhängig gewordene frü- here Rhodesien) gewirkt hatte. Er genoss einen grossen Vertrauensvorschuss und erhielt unkompliziert beachtliche finan- zielle Unterstützung für die Aufbauphase des JRS. Auch mit seinen Nachfolgern Mark Raper SJ (Australien), Luis Magriñà SJ (Spanien), Peter Balleis SJ (Deutschland) und dem aktuellen Direktor Tom Smolich SJ (USA) ist Zürich immer in direktem Kon- takt gestanden. 

Globale Kampagne gegen Personen-landminen
Kambodscha entwickelte sich Ende der 1980er-Jahre zu einem zweiten wichtigen Fokus des JRS. Ursprünglich hatte JRS kambodschanische Flüchtlinge in den Lagern in Thailand betreut. Nach der Ter- rorherrschaft der Roten Khmer und dem Abzug der darauf herrschenden vietna- mesischen Besatzungstruppen begleite- te JRS die Menschen bei ihrer Rückkehr in ihre Heimat. Zu den ersten in Kambod- scha Tätigen gehörte Bruder Noel Oliver SJ aus der Puna-Provinz, Indien. Er kann- te Pater Hänggi, der in Puna Theologie studiert hatte, seit den 1960er Jahren. 
Aufgrund dieser Verbundenheit klopfte Bruder Noel bei Pater Hänggi an und bat ihn inständig, die Arbeit in Kambodscha zu unterstützen. Pater Hänggi reiste 1991 zum ersten Mal nach Kambodscha, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ein wich- tiger Meilenstein der Arbeit des JRS in Kambodscha war die Behindertenwerk- stätte Banteay Prieb, das Zentrum der Friedenstaube. Hier fanden durch Perso- nenlandminen verstümmelte Menschen 
Ausbildungsmöglichkeiten. So fanden sie trotz ihrer Behinderungen einen Weg in die Zukunft. Bewegt von diesen Schick- salen, engagierten sich JRS und in beson- derer Weise die australische Ordensfrau Denise Coghlan in der internationalen Kampagne zur Bannung von Personen- landminen (ICBL). 1997 wurde dieser Kampagne der Friedensnobelpreis verlie- hen. Bei der Feier in Oslo war auch Thun Channareth, Mitarbeiter von Banteay Prieb, auf der Bühne. Er meistert sein Le- ben seit einem Personenlandminenvor- fall im Rollstuhl. Diese Geschichte der Hoffnung hat auch das Logo der Stiftung Jesuiten weltweit Schweiz inspiriert: Der Korpus mit einem kürzeren Bein hat sein Vorbild in einem Kreuz, das in Banteay Prieb hergestellt wurde. Das erste Kreuz hat Bruder Oliver wohl schon in den 1990er-Jahren als Geschenk nach Zürich mitgebracht. 

Der Krieg in Syrien 
Über die Jahre ergaben sich vielfältige Kooperationen zwischen dem JRS Inter- national und der Stiftung Jesuiten welt- weit Schweiz. Zum Beispiel waren zwei Schweizer Jesuiten in der Zentralafrikani- schen Republik im Einsatz. Luc Ruedin SJ arbeitete 2009 ein Jahr lang in Ouadda und Toni Kurmann SJ 2012 in Markounda fünf Monate im Rahmen seines Tertiats. P. Christoph Albrecht SJ baute JRS Schweiz auf (siehe Seiten 10–12 dieser Ausgabe) und engagiert sich für Flüchtlinge mitten unter uns. 
Intensiv beschäftigt hat uns der Krieg in Syrien. Pater Nawras Samour SJ, Syrer und bis Mitte 2020 Regionaldirektor des JRS Naher Osten, war ein Mann der ersten Stunde beim Aufbau von Nothilfe für die geflüchteten Menschen in seiner Heimat und in den umliegenden Ländern. 2014 erhielt er in Luzern den Schweizer «Prix Caritas» zusammen mit dem Caritas-Direk- tor von Jordanien. Immer wieder auf Be- such in der Schweiz, zuletzt 2019, hat er auf die grosse Not der Menschen aufmerk- sam gemacht. Die Solidarität der Schwei- zer Spenderinnen und Spender hat den grössten Fonds in der Geschichte der Stif- tung Jesuiten weltweit geäufnet. Nach wie vor brauchen die Flüchtlinge in Syrien wie auch in den Ländern Jordanien und Liba- non viel Unterstützung. 

JRS agiert immer globaler 
Der JRS versucht, das ignatianische Prin- zip «dorthin zu gehen, wo die Not am grössten ist» umzusetzen. Er kann nicht auf jede humanitäre Krise reagieren, hat aber in den 40 Jahren ein weltweites En- gagement entfaltet. Seine Arbeit spiegelt die grossen humanitären Katastrophen. In Afrika die Bürgerkriege in Angola und Mosambik im Rahmen der Unabhängig- keitsbewegungen, die Genozide in der Region der Grossen Seen. 
In Asien begleitet JRS Geflüchtete aus Myanmar in Thailand, seit 2017 auch die Rohingya, die Richtung Bangladesch und Indien flüchteten. Seit 2005 engagiert er sich auch in Afghanistan. Von Anfang an war dort die Bildung von Frauen ein wich- tiger Schwerpunkt. JRS hat gerade seine globale Bildungsinitiative Global Educa- tion Initiative, welche als Mercy in Motion (von Mitgefühl bewegt) startete, erfolg- reich abgeschlossen. Ziel war es, mög- lichst vielen von Flucht und Vertreibung betroffenen Kindern Schulbildung zu ermöglichen. Weltweit sind zwischen 

2015 und 2019 zusätzliche 38 Millionen Franken Spendengelder zusammenge- kommen. Damit haben 356 164 junge Menschen qualifizierte Schulbildung er- halten. Im Jahr 2019 weist JRS Hilfe für 811884 Menschen in 56 Ländern in sei- nem Jahresbericht aus. 

Einsatz auch für die Binnenvertriebenen
1980 konnte sich Pedro Arrupe SJ wohl nicht vorstellen, dass 40 Jahre später ge- mäss den offiziellen Statistiken des UNHCR in Genf 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Dauer von durchschnitt- lich 17 Jahren zwischen dem Verlassen des ursprünglichen Lebensraumes bis zu ei- nem gesicherten neuen Leben zeigt die bleibende Wichtigkeit einer humanitären Begleitung von Menschen auf der Flucht. Wie sich die gegenwärtige Covid-19- Pandemie auswirken wird, kann zurzeit noch niemand ermessen. All diese Heraus- forderungen im Blick, versucht JRS Inter- national auch in den kommenden Jahren seinen Beitrag zu leisten. 
Da sie keine internationalen Grenzen überschritten haben auf ihrer Flucht, werden sogenannte Binnenvertriebene von ihren Regierungen oft übersehen und nicht in Hilfsprogramme eingeschlossen. Gegen- wärtig gibt es 45,7 Millionen Binnenver- triebene. Für sie setzt sich JRS in den kom- menden Jahren verstärkt ein und will dazu beitragen, dass angemessene Gesetze in Kraft gesetzt werden. Damit will JRS dabei helfen, dass auch für die Binnenvertriebe- nen zukunftsorientierte Lösungen gefun- den werden. 

Ein besonderes Augenmerk auf Frauen
Gerade Frauen und Mädchen sind auf der Flucht besonders vulnerabel. Hinzu kommt, dass ihnen unter derartigen Ex- tremsituationen oft nur sehr beschränkte Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ihre Zukunft abzusichern und zu gestalten. JRS will verstärkt geschützte Räume schaffen, in denen Frauen ihre traumati- schen Erfahrungen aufarbeiten können. Auch werden sie unterstützt beim Aufbau eines sicheren Lebens für sich und ihre Familien. 
Damit nicht ganze Generationen von Menschen auf der Flucht ihre Schulbildung verpassen, engagiert sich JRS wei- terhin für eine Zukunft ermöglichende Bildung. In den klassischen Flüchtlings- lagern wird eine eigene Schulinfrastruk- tur aufgebaut. Für die in den Städten als Flüchtlinge lebenden Kinder wird die Integration in das lokale Schulsystem gefördert. 
Dies bedeutet, die Kinder beim Erlernen der lokalen Schulsprache mit ausserschu- lischen Kursen zu unterstützen. Dabei werden immer mehr auch Formen des Lernens über das Internet eingesetzt. Wenn Kinder in Lagern aufwachsen, brau- chen sie nach der Grundschule auch wei- terführende Bildungsmöglichkeiten. Ein Schwerpunkt liegt auf praktischen Aus- bildungen, die selbst unter den Bedin- gungen eines Flüchtlingslagers sinnvoll eingesetzt werden können. Für die Begabten stehen sogar universitäre Fern- kurse zur Verfügung. 

Bleibendes Lernen
Vierzig Jahre JRS ist auch ein Rückblick auf vier Jahrzehnte intensiven Lernens an der Seite von Vertriebenen und Geflüchteten. Bruder Noel Oliver, Schwester Denise Coghlan, Pater Christoph Albrecht und Sil- via Käppeli erzählen von Begegnungen, die ihr Leben prägen. Silvia Käppeli ist Ende Oktober 2020 von Kabul in die Schweiz zurückgekehrt. Als Expertin im Gesundheitswesen hat sie in den vergan- genen acht Jahren intensiv mit Frauen Wege gesucht, ihren Alltag in Familie und Gesellschaft zu gestalten. Rückblickend sagt sie: «Es ging um Bildung, Bildung, Bil- dung, aber nicht nur im Sinne von Wissens- vermittlung, wie Englisch oder Mathema- tik, sondern um Reflexion von Werten, die das Leben leiten, im afghanischen Islam und im Leben der Christinnen und Chris- ten, die dort arbeiten.» Sie konnte mit den afghanischen Frauen zusammen ihre Not und ihr Leid erkennen, benennen und ver- suchen, die Not zu lindern. Sie konnte Mit- gefühl in Handlung umsetzen. Dies wird nur in einer Kooperation mit den betroffe- nen Menschen möglich. 

Die Beiträge finden Sie auch im JWW-Weihnachtsmagazin 4/2020.

 


Gedenktag 40 Jahre Jesuiten-Flüchtlingsdienst: Festakt und Gottesdienst am 14.11.2020

von Pia Seiler

Am Samstag, 14. November 2020 findet um 15 Uhr der Festakt zu 40 Jahre Flüchtlingsdienst der Jesuiten statt. Der Anlass wird hier auf Facebook übertragen; wer vor dem Computer teilnehmen will, kann hier weiterklicken.

Anschliessend findet unter Leitung von Pater General Arturo Sosa SJ um 17.30 Uhr ein Gottesdienst zum Gedenktag statt.  

Der Hintergrund des Jubiläums: Als vor 40 Jahren Tausende von Menschen aus Vietnam flüchteten und sich das Drama der so genannten Boat People zuspitzte, initierte der damalige Generalobere der Jesuiten Pedro Arrupe SJ die Gründung des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (Jesuit Refugee Service, JRS). Mehr dazu hier von Christoph Albrecht SJ, der bei der Entstehung des JRS Schweiz mitwirkte und den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz seit 10 Jahren leitet. 

Papst Franziskus richtet sich zum 40-Jahr-Jubiläum in einem Brief an Tom Smolich SJ, Direktor von JRS International.


Woche der Religionen: Christian Rutishauser SJ im Interview vom Pfarrblatt Bern

von Pia Seiler

Zur Woche der Religionen hat Hannah Einhaus vom Pfarrblatt Bern  mit Christian Rutishauser SJ ein Interview geführt. Der Provinzial der Schweizer Jesuiten berät den Papst in Fragen des christlich-jüdischen Dialogs und sagt: «Jesuiten und rabbinisches Judentum haben viel gemeinsam»
Hier gelangen Sie zum Interview.

Die Woche der Religionen findet noch bis zum 15. November 2020 schweizweit statt, so auch in Zürich: Hier gelangen Sie zu den Veranstaltungen vom Zürcher Forum der Religionen

 


Dankbarkeits-Kampagne der Jesuiten als Antwort auf Krisenstimmung

von Pia Seiler

Die Jesuiten aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich starten die Kampagne «Trotzdem dankbar!». Damit geben sie mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie mit Hilfe der Ignatianischen Spiritualität eine Antwort auf die zunehmende Krisenstimmung.

Dieses Jahr war für die gesamte Gesellschaft herausfordernd. Das soziale Leben wurde nun zum zweiten Mal heruntergefahren, Menschen müssen auf Distanz gehen, bangen um ihre Existenzen und viele Einrichtungen haben geschlossen. Die Krise offenbart unsere Probleme wie unter einem Brennglas; die Verunsicherung und die Ängste verändern unsere Gesellschaft. Gründe zu verzagen, gäbe es genug. Dagegen gibt es Studien, die unterstreichen, dass eine dankbare Lebenshaltung das Immunsystem stärken und Menschen krisenresistenter machen kann. Bereits der Hl. Ignatius von Loyola war von der Wirkung der Dankbarkeit überzeugt und übte diesen Lebensstil in seinem Tagesrückblick ein, indem er sich jeden Abend vor Augen hielt, was ihm Gutes widerfahren ist.
Mit der Kampagne «Trotzdem dankbar!» bringen die Jesuiten den Menschen den Ignatianischen Tagesrückblick näher. «Wenn wir in Corona-Zeiten an den Abend häufiger zu Hause sind, ist dies eine Gelegenheit, Zeit für einen gestalteten Rückblick auf den Tag zu nehmen. Vielleicht hilft es, sich hinzusetzten und dazu eine Kerze anzuzünden, um ein anderes Licht auf das Erlebte zu werfen und so zu entdecken, wofür wir dankbar sein können», sagt Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten. «Es geht nicht darum, das Mühsame schönzureden. Vielmehr soll der Tag nachklingen, der Blick nicht fixiert, sondern der Horizont geweitet werden. Das macht auch unser Herz weit.» 

Ein spezielles Kapitel in diesen Tagen in Ihrem Tagebuch
Dies bedarf eines gewissen Trainings. Tagebucheinträge können dabei hilfreich sein. Durch das Aufschreiben werden Dinge deutlicher erkennbar, das verstärkt den Effekt. Der Blick wird auf das Wesentliche gelenkt und hilft, besonders in diesem Jahr mit einer positiven Haltung auf Weihnachten – dem Fest der Menschwerdung Gottes – zugehen zu können. Führen Sie bereits Tagebuch? Oder wäre es denkbar für Sie, dieser Tage zu einem Schreibheft zu greifen und Ihre Gedanken niederzuschreiben? Wir begleiten Sie dabei und starten heute mit einem ersten Impuls von Niklaus Brantschen SJ.

Wofür sind Sie dankbar?
Schreiben Sie uns an redaktion@jesuiten.ch, wir veröffentlichen Ihren Beitrag an dieser Stelle. 

 

Älter als alle Zeit, jünger als der Tag

Der Schreck der Zeit sitzt Niklaus Brantschen SJ in den Knochen – «hoffentlich nachhaltig», schreibt er. «Und ja, es ist möglich, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen – und dankbar zu sein. Dankbare Menschen schlafen besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Ich behaupte das nicht. Das zeigen neue Studien.»

Von Niklaus Brantschen SJ

Die Corona-Auszeit bietet bei all den Krisen, die damit verbunden sind, auch Chancen. Ich kann in diesen Wochen und Monaten bei Spaziergängen rund ums Lassalle-Haus im Herzen der Schweiz, wo ich wohne und wirke, die Natur ganz neu entdecken. Ich nahm im Frühjahr wahr, wie die Nadeln an den Lärchenzweigen sich täglich etwas mehr nach aussen wagten, wie der Duft des Bärlauchs vom Waldrand her in meine Nase stieg, wie jetzt im Spätherbst die Laubbäume sich lichten und mit letzter Kraft Knospen bilden, um bereit zu sein für den kommenden Frühling. In einem Hymnus der Mystikerin und Medizinerin Hildegard von Bingen über den Heiligen Geist spricht sie von der «Grünkraft», vom immergrünen Geist. Für sie ist die Erde durch und durch grün, das heisst voll Leben. Hildegard im Originalton: «Der Geist geht aus, wird grünender Leib und bringt seine Frucht. Das ist das Leben.» Das habe ich neu erfahren.

Die erzwungene Auszeit macht uns nachdenklich. Mir geht der Schreck unter die Haut, er sitzt in den Knochen, er wirkt über den Tag hinaus nach – hoffentlich nachhaltig.

Ich frage mich: Was kann ich in meinem hohen Alter beitragen, Neues sichtbar werden zu lassen? Wie kann ich das Neue, Junge, Frische, Hoffnungsvolle in mir als alter Mann pflegen, so dass es ansteckend wird? Ich bin alt, unsere Gesellschaft wird immer älter. Und doch, es ist etwas in uns, dass älter ist als alle Zeit und jünger als der Tag. Das möchte ich in meinen mir noch verbleibenden Jahren vermitteln. Das ewig Junge, das uns je neu anfangen lässt. Nicht mehr vom Gleichen oder mehr vom Gestern, sondern mehr vom Leben heute.

Dabei mag es in dieser unsicheren Zeit durchaus Gefühle der Unsicherheit, der Blockade, ja der Ohnmacht geben. Ratschlag habe ich leider keinen für die Bedrängnis des Lebens. Auch ein Ratschlag ist bekanntlich ein Schlag. Ich kann aber aus meiner Erfahrung sagen, dass trotz der Einschränkungen und Behinderungen, die wir erleben: Es ist möglich, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen. Auch ich habe meine Beschwerden, altersbedingte, und versuche trotzdem, jeden Tag wieder neu anzufangen und dankbar zu sein. Dankbarkeit scheint mir die zentralste menschliche Tugend.

Mir wurde in letzter Zeit einmal mehr der Zusammenhang von Dankbarkeit und Wohlbefinden deutlich. Zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es einige Untersuchungen, die nachweisen: Menschen, die dankbar sind, fühlen sich besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihren sozialen Beziehungen. Dankbare Menschen schlafen besser. Es ist also ratsam, sich am Abend zu fragen: Wofür kann ich danken? Wenn ich nichts finde, wofür ich dankbar bin, dann ist es hilfreich, sich achtsam auf den nächsten Tag einzustellen und zu fragen: Wie gehe ich durch den nächsten Tag? 

Mit offenen Sinnen und einem wachen Herzen, bereit, mich überraschen zu lassen – und dankbar!

 

Niklaus Brantschen (83) stammt aus dem Bergdorf Randa im Oberwallis und ist Jesuit und Zen-Meister. Er lebt und wirkt im Bildungszentrum Lassalle-Haus ob Zug.


55 Jahre Nostra aetate: Christian Rutishauser SJ über die Geschwister Juden und Christen

von Pia Seiler

Die Veröffentlichung von Nostra aetate, das Dokument des II. Vatikanischen Konzils, jährt sich dieser Tage zum 55. Mal. Der Vatikan hat dazu ein erinnerndes und vertiefendes Dokument publiziert. «Nostra aetate setzt neue Rahmenbedingungen für den Umgang mit anderen Religionen», sagt Christian Rutishauser SJ im Interview mit kath.ch. «Zum ersten Mal in der Geschichte nimmt die Kirche einen grundsätzlich positiven Bezug zu ihnen ein. Sie sieht in den religiösen Traditionen Wege der Menschheit, die sich letzten Fragen annähern. Was ist der Mensch? Warum gibt es Leid? Wie soll die Wirklichkeit als Ganzes gedeutet werden? Wie leben wir friedlich und authentisch zusammen?»

Nostra aetate (lat. für «in unserer Zeit») geht im besonderen auf den Dialog mit dem Judentum ein. Christian Rutishauser SJ zum neuen Dokument des Vatikans: «Es wird vom gemeinsamen Erbe gesprochen, oft wird die Familienmetapher benutzt, Juden und Christen seien Geschwister. Ich finde diesen neuen Satz wunderbar. Er stellt klar: Das Judentum ist für das Christentum zentral. Ohne das Judentum ist das Christentum undenkbar.»

Hier gelangen Sie zum Interview mit Christian Rutishauser SJ, geführt von Raphael Rauch, kath.ch-Redaktionsleiter.

Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, hat am 28. Oktober in St. Gallen, seinem Heimatort, über das Verhältnis Judentum-Christentum referiert. Das Thema prägt seine Biographie, heute berät er dazu Bischofskonferenzen und den Papst. Der Vortrag auf Einladung der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft ist hier nachzuhören

Zum Bild: Gesetzestafeln, Symbol für die zehn Gebote, am Mahnmal für die zerstörte Synagoge in Hildesheim D. Werk des Kölner Bildhauers Elmar Hillebrand. 


Ökologie erhält im Lassalle-Haus mehr Gewicht

von Pia Seiler

Wilfried Dettling SJ

Pater Wilfried Dettling SJ, der neue Bildungsleiter im Lassalle-Haus, sagt im Porträt der Luzerner Zeitung:  «Zuerst will ich Inhalt und Struktur des Bildungshauses kennen lernen. Das Wichtigste sind die Kurse unserer vier spirituellen Wege: ignatianische Exerzitien, Kontemplation, Zen und Yoga. Zukünftig möchte ich versuchen, in den Bereichen Interreligiöser Dialog, Bibeltheologie sowie Ökologie weitere Angebote zu machen.» Der 55-Jährige hat zuvor in Deutschland, Israel und Palästina gewirkt, war Islambeauftragter der Diözese Speyer und promovierte im Rom. Zuletzt leitete er das Exerzitienhaus HohenEichen in Dresden. 

Hier geht es zum Beitrag über Wilfried Dettling SJ von Monika Wegmann in der Luzerner Zeitung. 


«Priester, wer bist Du? – Nichts und alles»: feierliche Weihe von Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ zu Priestern

von Pia Seiler

Die zwei jungen Jesuiten Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ sind gestern Samstag vom St. Galler Bischof Markus Büchel in Zürich zu Priestern geweiht worden. In der Liebfrauenkirche waren aufgrund der Corona-Beschränkungen nur rund 100 Menschen präsent, dank Livestream und Radioübertragung jedoch konnten alle teilnehmen, die den beiden Jesuiten verbunden sind (hier nachzusehen oder im Radio zu hören).

«Wenn ein Virus uns den Atem nehmen will, so müssen wir umso mehr den grossen Atem feiern, den Geist Gottes – er hat das letzte Wort», sagte P. Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten in seiner Begrüssung. «Heute soll er in besonderer Weise unseren beiden Weihekandidaten erfüllen.» 

Zuvor hatten Alphornklänge den Gottesdienst eröffnet – eine Reminiszenz an Martin Föhns bergige Heimat im Muotathal. Albert und Erika Wey erinnerten mit ihren raumfüllenden Klängen auch an Martin Föhns Jahre in der Pfarrei von Birmensdorf bei Zürich, wo das Ehepaar daheim ist. «Ich hab mich sehr gefreut über diese Eröffnung», sagte Moritz Kuhlmann nach der Weihe. «Die Alphörner sind für mich die Posaunen der Schweizer Berglandschaft, und es ist wie im Psalm: Mit Posaunen und Harfen dürfen wir in die Wohnung Gottes eintreten.» Ein starkes Symbol für ihn: Alphörner sind die Instrumente der Hirten, «da denke ich unweigerlich an den guten Hirten. Und nun wird mir und Martin anvertraut, Hirten sein zu dürfen». 

Als Ausbildungsverantwortlicher stellte P. Christoph Soyer SJ in der Folge die beiden Weihekandidaten vor: P. Moritz Kuhlmann SJ wurde als jüngstes von drei Geschwistern 1990 in Los Angeles geboren. Die letzten Schuljahre verbrachte er am Canisiuskolleg der Jesuiten in Berlin, wo er in der Ignatianischen Schülergemeinschaft (ISG) engagiert war. Nach dem Abitur studierte er in Sankt Georgen in Frankfurt am Main Philosophie und Theologie. Nach seinem Noviziat, in das er 2013 eintrat, erwarb er in München den Bachelor in Philosophie. Es folgten ein zweijähriger Aufenthalt im Kosovo an einem Gymnasium, wo er das Sozialzentrum Tranzit aufbaute. Dort ermöglichte er Ashkali-Kindern Zugang zu Bildung. Seine theologischen Studien schloss er in Innsbruck ab und bereitet sich seit einem Jahr für weitere Studien im chinesischen Raum vor. 

P. Martin Föhn SJ wurde 1982 als zweitältestes von vier Geschwistern geboren, wuchs im Muotathal im Kanton Schwyz auf und war in der Landjugend aktiv. Von 1997 bis 2001 absolvierte er die Ausbildung zum Landwirt und arbeitete danach einige Monate in Peru. Von 2003 bis 2007 studierte er Religionspädagogik und arbeitete in der Jugendarbeit und als Religionslehrer. Nach seinem Noviziat, er trat 2010 ein, folgten drei Jahre Philosophiestudium mit Bachelor-Abschluss in München. Von 2015 bis 2017 war er Hochschulseelsorger am aki in Zürich. Während den letzten drei Jahren studierte er in Paris Theologie, ebenfalls mit Bachelor-Abschluss und absolvierte eine Zusatzausbildung zum Mediator. Aktuell arbeitet er in Basel im Bereich Bildung, Spiritualität und Hochschulpastoral.

Der eindrücklichen liturgischen Feier in besonderer Zeit stand Bischof Markus Büchel vor. «Priester fallen nicht vom Himmel, aber sie sind ein Geschenk des Himmels», eröffnete der Bischof seine Predigt. «Es ist für mich eine grosse Freude, heute zwei Jesuiten zu Priestern weihen zu können. Ich gratuliere den Jesuiten», fügte der Bischof an mit Blick auf die zwei Dutzend anwesenden Jesuiten.
Im Folgenden die Predigt von Bischof Markus Büchel.

Lesung Eph 1, 15-23 Evangelium Joh 1, 35-42

Priester, wer bist du?

Du bist nicht aus dir, sondern aus Gott,

du bist nicht für dich, sondern für die Menschen,

du bist nicht dein Herr, sondern der Knecht aller.

Wer bist du also? Nichts und alles!

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonendienst
Liebe Schwestern und Brüder in den verschiedenen Seelsorgediensten
Liebe Mitglieder des Jesuitenordens
Und ganz besonders liebe Angehörige der Weihekandidaten, liebe Festgemeinde

Liebe Diakone Martin Föhn und Moritz Kuhlmann 

In der Lesehore des Breviers am letzten Dienstag bin ich auf den Text von Vinzenz Pallotti mit den eindrücklichen Worten über den Priesterdienst gestossen, den ich eingangs zitiert habe. Priester, wer bist du? Wer bist du also? … und darauf die lapidare Antwort: Nichts und alles! Dieses «Nichts und alles» möchte ich mit einigen Predigtgedanken vertiefen.

Doch, liebe Weihekandidaten, zunächst eine ganz persönliche Antwort:
Eure Priesterweihe ist eine grosse Freude für mich als Bischof, für die Kirche, für eure Ordensgemeinschaft und gewiss auch für alle, die mit Euch verbunden sind.

Eure Patres Provinziale haben Euch mir vorgestellt und zur Weihe empfohlen. Im Rückblick auf Euren Weg wird uns allen heute neu bewusst:

«Priester fallen nicht fertig vom Himmel» – aber… sie sind ein «Geschenk des Himmels», ein Geschenk, das entdeckt werden will. In euren Weggeschichten, so verschieden sie sind, gibt es Ereignisse, Begegnungen und Stationen, die als Entscheidungspunkte auf den heutigen Tag hin festgemacht werden können – im Letzten bleibt aber eure Berufungsgeschichte doch ein persönliches und tiefes Geheimnis.

Eine Priesterberufung ist ein langsames Wachsen und sich Entfalten, oft auch ein jahrelanges Suchen und Ringen, kurz – ein Geschenk, das entdeckt werden will:

Dieses Gottesgeschenk «eures Lebens» und eurer Berufung wurde

  • geweckt von Menschen in der Kindheit, von euren Familien, die euch Geborgenheit und Liebe schenkten
  • es wurde geformt durch das vielfältige Suchen, Entdecken und Entfalten eurer Fähigkeiten in Schule und Beruf
  • geformt durch vielfältige Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen, die euch faszinierten und durch Begegnungen mit Kulturen in der weiten Welt 
  • ganz besonders aber auch angetrieben durch ein immer neues Loslassen und Aufbrechen aufgrund einer Sehnsucht und Unruhe, die immer tiefer zum erfüllenden Lebenssinn drängten
  • Es sind Euch Menschen begegnet, die Euch glaubwürdig zu Vorbildern wurden, die Euch herausforderten und die innere Unruhe wachhielten – und die durch das Zeugnis des persönlichen Glaubens Euch zum «Propheten Johannes» im heutigen Evangelium wurden, der Euch auf Jesus – auf den lebendigen Christus hingewiesen haben.

Allen diesen Menschen sei in dieser Stunde ein grosser Dank ausgesprochen.

Ohne sie wäre Euer heutiges «Ich bin bereit» nicht gereift.

Der Weg der Spiritualität des Heiligen Ignatius von Loyola und seiner Gemeinschaft liess Euch erfahren, was es heisst, bei «Jesus zu wohnen», das heisst sich ganz auf den Weg seiner Nachfolge einzulassen, das heisst: Seinen Weg heute zu gehen. In der Berufungsgeschichte bleibt die Frage Jesu die entscheidende Frage: «Was sucht ihr? » - 

Ja, was suchen heute Menschen, die sich auf die besondere Lebensnachfolge Jesu einlassen? 

Ansehen und Karriere können es nicht sein – der Priesterberuf ist heute in der Gesellschaft zu belastet mit Anklagen und Versagen.

Kreative Zukunftsvisionen für Kirche, Gesellschaft und Schöpfung haben nicht Hochkonjunktur – davon kann Euer Ordensbruder Papst Franziskus «ein Lied singen»

Und selbst ein zeitgemässes Priesterbild hat es schwer, aufgrund der Zeichen der Zeit sich zu entwickeln und gegen blockierte Strukturen und gegen interne Widerstände sich zu behaupten.

Ja – «was sucht ihr? »

Eure Antwort – Martin und Moritz -habt ihr uns in der Einladungskarte gegeben mit der Gegenfrage aus dem Evangelium: «Wo wohnst Du?»

Mit dem heutigen Adsum zu seiner Einladung «Kommt und seht» willigt ihr ein, Euch auf Jesu Weg mutig einzulassen und Eure Herausforderungen und Erfahrungen immer neu mit seinem Lebensweg und mit seiner lebendigen Gegenwart zu verbinden. Dabei offenbart der Evangelist Johannes in dieser programmatischen ersten Jüngerbegegnung mit dem Hinweis auf Jesus als «Lamm Gottes» etwas Wesentliches: Es geht in allem darum, Jesus als den Christus, den Auferstandenen zu erkennen, wie er in allem den Willen des Vaters zu tun und auch durch Widerstand und Leiden hindurch die Hoffnung zu bewahren.

Mit Eurem «Ich bin bereit», liebe Weihekandidaten, stellt ihr diese Christusverbundenheit über alles andere. Ich wünsche Euch, in immer tieferen Erfahrungen auf dem Weg mit Jesus jene Grundmelodie zu finden, die Euch rüstet für die Aufgaben, die auf Euch warten. Durch Euer Zeugnis und Eure Begleitung sollen viele Menschen erfahren, dass Gott auch in den Herausforderungen unserer Zeit die Treue hält und den guten Weg weist. Persönlich ruft Euch Christus, in unsere ganz konkreten Lebenssituationen hinein Worte des Erbarmens und der Versöhnung zu sprechen. Er sendet Euch, als Priester in Zusammenarbeit mit vielen Menschen, die ihre Gaben und Charismen einbringen, Kirche aufzubauen und das Wachsen des Reiches Gottes zu fördern. Christus braucht Euch heute ganz konkret, um für seine Gegenwart und sein Erbarmen den Menschen Geist und Herz zu öffnen. Er braucht Euch, um durch Eure Worte und Euer Zeugnis Menschen anzurühren und ihnen in den Heilzeichen der Sakramente zu begegnen. Seid Euch aber bewusst: Ihr werdet in die Welt geschickt mit einer Botschaft, der widersprochen wird… Da wird Euch einiges zugemutet – und zwar im doppelten Sinn: Es wird Euch vieles abverlangt, was schwierig sein wird – es wird Euch aber auch Mut zugesprochen vom dem, der sagt: Vertraut, ich gehe Eure Wege mit, «wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten».

Liebe Festgemeinde, liebe Weihekandidaten 

Nun doch, kurz gestreift noch die Frage:

Was ist denn das Besondere des geweihten Priesterdienstes? Das war schon eine Frage in der jungen Christengemeinde, an die sich der Evangelist Johannes wendet. Neben dem Lieblingsjünger, der in den johanneischen Texten eine besondere Rolle spielt, gibt es Petrus, der schon in der ersten Begegnung mit Jesus ohne weitere Begründung «Kephas – Fels» genannt wird. Wie in einem Vorausbild sieht der vorösterliche Jesus in Simon Petrus die Gemeinschaft der Kirche, die auf dem Glauben und Lebenszeugnis der Apostel als tragendem Fundament aufgebaut ist. Wenn wir heute durch Handauflegung und Gebet Moritz und Martin zu Priester weihen, werden sie hineingenommen in diese besondere und apostolische Sendung. Verbunden mit dem Bischof hat der Priester Anteil an jenem Hirtenamt, durch das Christus seine Kirche leitet. Diese sakramentale und geistliche Dimension der Kirche wieder zu entdecken und in den Getauften und Gefirmten die verschüttete Christusbeziehung neu zu beleben, darin liegt die wahre Erneuerung der Kirche.

In der Weiheliturgie werden wir heute Zeugen, wie Gottes Ruf und Gnade wirken und wie Berufene fähig werden, mit Gottes Hilfe für diese Aufgabe ihre Bereitschaft zu bezeugen.

Liebe Weihekandidaten, nehmt heute die Einladung Jesu an - «Kommt und seht» - macht Euch mit ihm auf den Weg …und folgt in allem dem Rat Eures Ordensgründers Ignatius, wenn er sagt:

«In allen Angelegenheiten handle, als wenn Du alles - und Gott nichts täte,

und in allem vertraue, als wenn Du nichts - und Gott alles täte. »

Amen

Markus Büchel
Bischof von St. Gallen


Am 17. Oktober per Livestream mit dabei an der Priesterweihe von Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ

von Pia Seiler

Martin Föhn SJ und der deutsche Jesuit Moritz Kuhlmann SJ erhalten am Samstag 17. Oktober in der Zürcher Liebfrauenkirche die Priesterweihe. Der feierliche Gottesdienst mit Bischof Markus Büchel wird ab 15 Uhr übertragen:
per Livestream auf Youtube oder Facebook
akustisch auf Radio Maria 

Hier gelangen Sie zum Begleitheft der Feier mit den Liedern und den Gebeten.  

Interview mit Provinzial Christian Rutishauser SJ zur Priesterweihe auf kath.ch.

Martin Föhn gibt Einblick in seinen Berufungsweg.  

Zum Bild (Christian Ender): Martin Föhn SJ und Moritz Kuhlmann SJ am Vortrag der Priesterweihe im aki-Garten in Zürich. 

 


Menschenrechtler Stan Swamy SJ in Indien verhaftet – Jesuiten bitten Heiko Maas um Hilfe

von Pia Seiler

Stan Swamy SJ

In Indien ist der prominente Jesuitenpater und Menschenrechtler Stan Swamy (83) festegenommen worden. Pater Swamy kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der Adivasi im ostindischen Bundesstaat Jharkhand. Die Behörden werfen ihm vor, «aufrührerische Reden» gehalten zu haben und Verbindungen zu maoistischen und terroristischen Gruppen zu unterhalten, was Swamy stets bestritten hat. Der gesundheitlich angeschlagene Priester ist in Untersuchungshaft und soll ins 1 500 Kilometer entfernte Mumbai gebracht werden: Ein Sondergericht der National Investigation Agency (NIA) hat am 23. Oktober eine Anhörung anberaumt. Menschenrechtsaktivisten kritisieren die Festnahme scharf. Seine Mitbrüder haben eine Online-Petition gestartet.

Die indische Bundespolizei hat am 8. Oktober den 83-jährigen Jesuitenpater Stan Lourduswamy verhaftet. Pater Swamy befand sich auf dem Bagaicha-Campus in der Nähe von Ranchi, Hauptstadt des ostindischen Bundesstaates Jharkhand – Bagaicha ist eine von Pater Swamy geleitete NGO, die mit Adivasi arbeitet und für sie eine Grundschule und ein technisches Ausbildungsinstitut betreibt. 

Die Festnahme hat Empörung ausgelöst. «Stan Swamy hat ein Leben lang für die Rechte der Adivasi gekämpft», schreibt Autorin und Historikerin Ramachandra Guha. «Deshalb versucht die Regierung, ihn zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen. Denn für dieses Regime haben die Profite der Bergbau-Unternehmen Vorrang vor dem Leben und der Existenzgrundlage der Adivasi.» Die Behörde habe keinen Haftbefehl gegen den Priester vorgelegt, und «die Leute von der National Investigation Agency waren grob und arrogant», zitiert das katholische Online-Magazin «Matters India» einen Mitbruder von Pater Swamy. 

Die Verhaftung des Jesuiten und Menschenrechtsaktivisten steht im Zusammenhang mit Protesten um die Jahreswende 2017/2018 in einem kleinen Dorf bei Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra: Dalits – «Unberührbare» im indischen Kastensystem – und Angehörige «höherer» Kasten waren bei einem Fest Dalits aufeinandergestossen. Das Engagement für Indiens indigene Bevölkerung, die unter Ausgrenzung und Menschenrechtsverletzungen leiden, hat immer wieder die Verhaftung prominenter Fürsprecher zur Folge: Am 28. August 2019 wurde die Schriftstellerin Varavara Rao, die Rechtsanwältin Sudha Bhardwaj sowie die Menschenrechtsaktivisten Vernon Gonsalves, Arun Ferreira und Gautam Navlakha festgenommen. Nun trifft die Staatsgewalt Pater Swamy. Dieser weist die Vorwürfe von sich und lässt aus der Haft die Botschaft ausrichten, er hoffe dass «der menschliche Verstand siegen» werde: «Wenn nicht, müssen und können wir bereit sein, die Konsequenzen zu tragen», sagt er und dankt allen, die sich mit ihm solidarisch zeigen.

George Pattery SJ, Präsident der Jesuit Conference of South Asia*, verurteilt die Verhaftung «aufs Schärfste». Pater Swamy habe «sein ganzes Leben für Tribals und ihre Rechte eingesetzt» und werde nun auf illegale Art ohne Haftbefehl inhaftiert. 
Im Bundesstaat Jharkhand gehören rund ein Viertel der Menschen zu indigenen Gemeinschaften. Pater Swamy hat die Übergriffe und illegalen Aktivitäten der Behörden gegen sie sorgfältig dokumentiert. «Swamy kämpfte für sie, er arbeitete für sie, er lebte mit ihnen», sagt Pattery. «Es gibt heute in unserem Kontext keine andere Person, die sich so sehr mit den Tribals identifiziert».
Die Jesuiten seien «schockiert und bestürzt» über die Festnahme. Pater Swamy wurde seit Juli 2020 bereits mehrfach verhört, teilweise über 15 Stunden ohne Unterbrechung. Er bestreitet seine Anwesenheit beim damaligen Fest der Dalits, erst recht bestreitet er Sympathien mit oder Aktionen zugunsten maoistischer Ideologie oder so motivierter Gewalttaten. George Pattery fordert: «In Anbetracht dessen, seines Alters und seines schlechten Gesundheitszustands ist es nicht notwendig, ihn für weitere Verhöre in Gewahrsam zu nehmen. Wir verlangen die sofortige Freilassung von Stan Swamy».

Die Katholische Bischofskonferenz Indiens CBCI brachte ihre «tiefe Trauer und Angst» über Swamys Verhaftung zum Ausdruck. Erzbischof und CBCI-Generalsekretär Felix Machado erklärt: «Unseren Berichten zufolge hat sich Pater Stan jahrzehntelang für den Schutz der Rechte der Adivasi, insbesondere für ihre Landrechte eingesetzt. Dies könnte den Interessen bestimmter Kreise entgegengewirkt haben. Als er im Juli/August 2020 von den Behörden befragt wurde, hat Pater Stan Swamy vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet, detaillierte Erklärungen abgegeben und seine Unschuld beteuert», so Machado. «Die CBCI appelliert eindringlich an die betroffenen Behörden, Pater Stan Swamy unverzüglich freizulassen und ihm zu erlauben, an seinen Wohnort zurückzukehren.»

Mit einem als "Brandbrief" betitelten Schreiben vom 15. Okober 2020 bitten nun auch die Jesuiten der deutschen Provinz und ihr internationales Hilfswerk jesuitenweltweit den deutschen Aussenminister Heiko Maas, sich bei der indischen Regierung für Pater Swamy einzusetzen und «Respekt und Schutz für Menschenrechtsaktivisten» in Indien einzufordern.

Unterstützung für Pater Stan Swamy SJ: 
Online-Petition auf change.org

*Der Präsident der Jesuit Conference of South Asia George Pattery SJ war vor einem Jahr in Zürich. Er berichtete über die zunehmend schwierige Lage in Indien unter Machthaber Narendra Modi und seiner Hindu-Nationalistischen BJP.  Andersdenkende und Andersgläubige, insbesondere Muslime und Christen, seien zur Zielscheibe des Regimes geworden – und immer wieder treffe es auch Marginalisierte, die von den Jesuiten in Indien mit zahlreichen Projekten unterstützt werden. Zum Beitrag in JWW 3/2019 Seite 2 


Neues Reliquien-Denkmal für Petrus Canisius SJ in der Kathedrale von Freiburg

von Pia Seiler

Grabeskapelle der Kathedrale Freiburg

Nulla die sine linea, kein Tag, ohne eine Linie zu ziehen: Das ist der Titel des Siegerprojekts für das neue Denkmal in der Kathedrale von Freiburg mit den Reliquien von Nikolaus von Myra, Niklaus von Flüe und des Jesuiten Petrus Canisius. Die Reliquien der beiden Erstgenannten befinden sich in der Kathedrale, die sterblichen Überreste von  Canisius werden Ende April 2021 von der Kirche des Kollegiums St. Michael überführt. Ein wichtiges Datum für die Jesuiten: Am Gedenktag und im 500. Geburtsjahr von Canisius wird die neue zentraleuropäische Jesuiten-Provinz gegründet, zu der auch die Schweiz gehört.

Freiburg im Üchtland hat einen Heiligen, der die Stadt an der Sarine entscheidend mitgeprägt hat: Petrus Canisius (1521-1597), Jesuit aus der Pionierzeit der Gesellschaft Jesu. 1580 kam er nach Freiburg, zur Zeit der Gegenreformation. In Nimwegen in den heutigen Niederlanden geboren, hatte er als Verkünder des Glaubens in halb Europa gewirkt, in Rom, Ingolstadt, Wien und Prag gelebt und gründete in Freiburg ein weiteres Jesuitenkolleg – am Ende seines Lebens waren es 18: das Kollegium St. Michael, das bis heute besteht. 

Dort liegt er begraben, und nun will das Domkapitel der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus eine neue Ruhestätte für die Canisius-Reliquien in der Heilig-Grab-Kapelle der Kathedrale schaffen. Damit werden die Reliquien von Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Kathedrale und der Stadt, von Niklaus von Flüe, Schutzpatron des Landes, und von Petrus Canisius zusammengeführt. Canisius ist Schutzpatron der künftigen zentraleuropäischen Jesuitenprovinz, zu der auch die Schweiz gehört. Sie wird am 27. April 2021 gegründet, am Gedenktag und im 500. Geburtsjahr von Canisisus.

Heute werden die Reliquien von Nikolaus von Myra und Niklaus von Flüe in der Schatzkammer der Kathedrale aufbewahrt. Sie sind nur gelegentlich für die Gläubigen zugänglich, ebenso wie die sterblichen Überreste von Petrus Canisius in der Kirche des Kollegiums St. Michael. Daher der Wunsch, sie an einem Ort zur Verehrung zusammenzuführen. 

Das Domkapitel hat einen Wettbewerb für die Schaffung eines neuen Reliquien-Denkmals der drei Heiligen ausgeschrieben. Fünfzehn Projekte aus dem In- und Ausland wurden eingereicht. Die Jury wählte drei für eine zweite Phase aus. Gewinner sind die beiden Freiburger Marc-Laurent Naef und Frédéric Aeby. 

Nulla die sine linea – kein Tag, ohne eine Linie zu ziehen ist der Titel des Siegerprojekts.  «Neben der segnenden Hand von Nikolaus von Myra und der betenden Hand von Niklaus von Flüe werden wir die schreibende Hand von Petrus Canisius haben», erklärt Frédéric Aeby, Maler und Bildhauer. Gemeinsam mit dem Architekten Marc-Laurent Naef will er drei Nischen in der Wand der Grabeskapelle gestalten. «In diesem feierlichen Raum, der vom beeindruckenden Grabmal von 1430 dominiert und von den blau-violetten Glasfenstern Alfred Manessiers beleuchtet wird, muss unsere Intervention diskret sein», sagt Marc-Laurent Naef.

Überführt werden die Reliquien des heiligen Petrus Canisius SJ am Montag, 26. April 2021, am Vortag der Gründung der neuen zentraleuropäischen Jesuiten-Provinz. (cath.ch/mp/sei)

Schreibende Hand von Petrus Canisius

Fratelli tutti: Kommentar von Christian Rutishauser SJ auf feinschwarz.net

von Pia Seiler

Papst Franziskus hat am Samstag, 3. Oktober 2020 in Assisi die Enzyklika Fratelli tutti unterschrieben. Der Titel des neuen Rundschreibens ist ein Zitat von Franz von Assisi. Der Papst fordert in Zeiten von Corona und Nationalismus mehr Geschwisterlichkeit. Ein Kommentar von Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz im theologischen Feuilleton feinschwarz.net.

Zum Bild: Nach der Messe am Samstag im Kloster von Assisi unterzeichnet Papst Franziskus die Enzyklika Fratelli tutti am Grab des heiligen Franz, nachzusehen auf Youtube