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Jesuit und Zen-Meister Niklaus Brantschen über Corona-Zeiten im SRF-Tagesgespräch

von Pia Seiler

Die Corona-Pandemie setzt uns enge Grenzen. Wie geht Niklaus Brantschen (82) mit den Beschränkungen um? Wie begegnet er den Sorgen und Ängsten seiner Mitmenschen und wie seinen eigenen? Welche Kraft wirkt in der Stille, für ihn, für uns alle? Und schliesslich: Welche Chancen bieten diese denkwürdigen Wochen und Monate im Kleinen und im Grossen? Der Jesuit und Zen-Meister gibt Ivana Pribakovic im Rendez-vous am Mittag von Radio SRF1 Antworten, die weit über die aktuelle Situation weisen.

Hier gelangen Sie zum Radio-SRF1-Tagesgespräch vom 23.3.2020 mit Niklaus Brantschen SJ

 

Quellen zu Christentum und eigener Spiritualität: Interviews mit Christian Rutishauser SJ

von Pia Seiler

Die Zeichen der Zeit stehen auf Umbruch, gesellschaftliche Kontexte brechen weg, tradierte Formen verlieren an Kraft. «Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein», stellte Karl Rahner kurz und knapp fest.

Der bekannte Satz des deutschen Theologen ist für Christian Rutishauser SJ Anhaltspunkt, im Interview vom Pfarrblatt Bern über Spiritualität in säkularer Zeit nachzudenken. «Gerade weil in der säkularen Gesellschaft die alte Frömmigkeit wegfällt, ist die Sehnsucht nach Spiritualität so gross», sagt Christian Rutishauser. Wer diese Sehnsucht in sich trägt und Orientierungspunkte sucht, dem rät der Provinzial der Schweizer Jesuiten: «Das Beste ist, auf andere Menschen zu schauen, wie sie geistlich leben. Auf diese Weise steigt man langsam ins Üben ein. Exerzitium, Üben, ist ein altes christliches Wort. Dabei geht es nie ohne Wissen. Es braucht die Lektüre geistlicher und theologischer Texte, auch der Bibel.»

Im aktuellen Interview in der Zeitschrift Sonntag äussert sich Rutishauser auch zu Spiritualität im weiten Sinn: «Jeder Mensch braucht irgendeine Form von Spiritualität. Das Bedürfnis nach Sinngebung leitet den Menschen. Sei es die Spiritualität mit der Natur, der Wissenschaft, der Kultur. Man kann sie überall finden. Das ist an sich ja auch nicht schlecht.» Aber letztlich gehe es in Ländern, die vom Christentum geprägt wurden: «Will man christliche Spiritualität oder nicht?»

Die beiden Interviews erschienen anlässlich des neuen Lehrgangs Christliche Spiritualität, der im November im Lassalle-Haus startet. Hier gelangen Sie zu den Beiträgen:


Stille bewegt: internationales Expertenteam erarbeitet im Lassalle-Haus Antworten auf Klimawandel

von Pia Seiler

30 international führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zogen sich im Januar für zehn Tage ins Lassalle-Haus der Jesuiten ob Zug zurück, um in zunehmend drängender Zeit weiterzudenken und vor allem weiter zu kommen: Auf ausdrücklichen Wunsch von multinationalen Unternehmen und Grossstädten sollte ihr Workshop anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse relevante Antworten auf den Klimawandel erarbeiten. Die Expertengruppe aus verschiedenen Disziplinen fokussierte sich insbesondere auf die Biodiversität, auf die Qualität von Boden, Luft, Ozean und Frischwasser und liefert wertvolle Zielsetzungen und Handlungsempfehlungen.

Die Forscherinnen und Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse anschliessend am World Economic Forum in Davos. Die Zielsetzungen zur Biodiversität werden zudem eine wichtige Rolle auf dem UNO-Ozean-Gipfel in Lissabon im Juni, dem UNO-Gipfel zur biologischen Vielfalt in Kunming im Oktober und der COP-26 in Glasgow spielen.

Die übergreifende Arbeit wird von der Global Commons Alliance koordiniert: Das Netzwerk von Organisationen, Unternehmen und Regierungen bringt Verantwortliche in Technologie, Wissenschaft, Innovation und Kommunikation zusammen. Ziel ist es, die Wirtschaftssysteme der Welt positiv zu verändern und die globalen Gemeinschaftsgüter zu schützen. 800 multinationale Unternehmen haben sich der Alliance schon angeschlossen.

Expertengruppe von Global Commons Alliance im Lassalle-Haus
Beitrag von Lassalle-Haus-Direktor Tobias Karcher SJ
200130_GlobalCommonsim Lassalle-Haus_Sonntag.pdf (532,5 KiB)

75. Todestag von P. Alfred Delp SJ, am Tag von Mariä Lichtmess von Schergen des NS-Regimes hingerichtet

von Regula Lutz

Am 2. Februar jährt sich zum 75. Mal der Tag der Ermordung des Jesuitenpaters Alfred Delp SJ durch die nationalsozialistische Terrorjustiz. Von 1931 bis 1934 hatte er als Erzieher am Jesuitengymnasium «Stella Matutina» in Feldkirch (A) gewirkt, das auch von Schweizer Schülern besucht wurde. Am 2. Februar 1945, dem Tag, an dem die katholische Kirche das Fest Mariä Lichtmess feiert, starb Alfred Delp im Alter von 37 Jahren am Galgen der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee. Er war einer der massgeblichen intellektuellen Köpfe im Kreisauer Kreis, der Widerstandsgruppe um den Grafen Helmuth James von Moltke, der bereits am 23. Januar 1945 hingerichtet wurde. Wie Moltke lebte und starb Delp für ein neues und besseres Deutschland. Am 2. Februar 1945 schrieb er in seinem Abschiedsbrief: «Wie lange ich nun hier warte, ob und wann ich getötet werde, weiss ich nicht. Der Weg hierher bis zum Galgen nach Plötzensee ist nur zehn Minuten Fahrt. Man erfährt es erst kurz vorher, dass man heute und zwar gleich «dran» ist. Nicht traurig sein. Gott hilft mir so wunderbar und spürbar bis jetzt. Ich bin noch gar nicht erschrocken. Das kommt wohl noch. Vielleicht will Gott diesen Wartestand als äusserste Erprobung des Vertrauens. Mir soll es recht sein. Ich will mir Mühe geben, als fruchtbarer Samen in die Scholle zu fallen, für Euch alle und für dieses Land und Volk, dem ich dienen und helfen wollte.»

Am 2. Februar 2015 schrieb Volker Hasenauer (KANN) auf www.katholisch.de

«Als Sohn eines protestantischen Kaufmanns und einer katholischen Mutter wurde Delp 1907 in Mannheim geboren. Leidenschaftlich engagierte er sich im rheinland-pfälzischen Lampertsheim, wo die Familie ab 1914 wohnte, in der katholischen Jugendarbeit. Sein Gemeindepfarrer förderte die intellektuelle Begabung des Jugendlichen. Direkt nach dem Abitur trat Delp entgegen den Wünschen seiner Eltern in den Jesuitenorden ein. Während seiner Studienzeit war Karl Rahner, der später als Konzilstheologe bekanntwerden sollte, sein Lateinlehrer. Es folgen Studien im In- und Ausland, für einige Zeit war er in der Jesuitenschule Kolleg Sankt Blasien tätig.

Abgrenzungen zum NS-Staat
Nachdem ihm die Nationalsozialisten ein Promotionsstudium an der Universität München verweigerten, kam Delp zur NS-kritischen Jesuitenzeitschrift «Stimmen der Zeit». Gleichzeitig entwarf er in Predigten in Abgrenzung zum NS-Staat seine Vision eines solidarischen Christentums und einer humanen Gesellschaft.
Delp war zugleich ein scharfer Kritiker einer selbstzufriedenen, verbürgerlichten Kirche. Er forderte einen «drängenden missionarischen Dialog mit dieser Zeit». Die Kirche dürfe nicht «Misstrauen gegen die schöpferischen Kräfte der Menschen» hegen. Der Jesuit war überzeugt: «Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.»
Vermittelt durch den Münchner Jesuitenprovinzial Augustin Rösch kam Delp in Kontakt mit dem Kreisauer Kreis. Wie gross sein Einfluss dort war und wie oft er an Treffen teilnahm, bleibt unter Historikern umstritten. Sicher ist, dass Delp kein konkretes realpolitisches Programm für die Zeit nach Hitler entwarf, sondern eher Gedanken für die sozialphilosophischen Fundamente eines neuen Deutschlands beisteuerte. Delp hoffte auf einen «Humanismus im Namen Gottes», auf ein Erwachen des Menschen zu seinen Werten und Würden.

«In einer halben Stunde weiss ich mehr als Sie»

Nach der Verhaftung Moltkes und vor allem nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg geriet Delp ins Visier der Gestapo. Weil sich in Stauffenbergs Notizbuch Delps Name fand, wurde er verdächtigt, an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt gewesen zu sein. Was aktuellen Forschungen zufolge indes nicht der Fall war.
Am 9. und 10. Januar 1945 machte ihm der oberste NS-Richter Roland Freisler wegen Hoch- und Landesverrats den Prozess. Delp selbst spürte, wie er es nach der Verurteilung formulierte, schon «bei den ersten Fragen die Vernichtungsabsicht. Es war alles fertig, als es anfing.» Am 11. Januar 1945 verkündete Freisler das Todesurteil.
Mit gefesselten Händen verfasste der Pater in den ihm verbleibenden Wochen zwischen Verhaftung und Hinrichtung Briefe, Meditationen und Abhandlungen. Ein geistliches Testament. Sein Glaube und sein tiefes Gottvertrauen waren bis zuletzt ungebrochen. Als er am 2. Februar 1945 zum Galgen geführt wurde, soll er dem Gefängnisseelsorger zugeflüstert haben: «In einer halben Stunde weiss ich mehr als Sie.»

Bildlegende: Pater Alfred Delp SJ während der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof. Foto: © SJ-Bild

Andreas Batlogg SJ ist Alfred Delp SJ in der Gymnasialzeit begegnet. Hier gelangen Sie zu seinem Beitrag vom 31.1.2020 in der Wochenzeitung «Die Furche»:
AlfredDelp_DieFurche.pdf (461,3 KiB)

Solidarität darf nicht strafbar sein: Christoph Albrecht SJ am Kongress von Reclaim Democracy in Zürich

von Pia Seiler

Reclaim Democracy ist ein Zusammenschluss von 51 Kooperations-Partnern – ein Denknetz aus Zivilgesellschaft und Politik, Wissenschaft und Medienwelt, Kirchenkreisen und Gewerkschaften von Attac bis Zürich Repair Center. Vom 27. bis 29. Februar findet zum zweiten Mal ein Kongress statt, dieses Mal in der Roten Fabrik in Zürich. Wie in Basel 2017 mit 1800 Teilnehmenden wird auch in Zürich mit reger Beteiligung gerechnet. Eingeladen sind alle, die mitdiskutieren, mitdenken, mitwirken wollen zu den drei Themenfeldern Klimawandel und nötiger Systemwechsel, Wahr sagen statt Lügen, Nutzung der Digitalisierung für soziale und demokratische Anliegen.
Der Jesuit Christoph Albrecht setzt sich seit Jahren für Solidarität mit Geflüchteten ein. Der Leiter vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz wirkt an folgenden zwei Anlässen mit:

Workshop: Solidarität darf nicht strafbar sein!

Solidarisches Einstehen für Geflüchtete wird heute verunglimpft und bestraft – bei uns, in der humanitären Schweiz. 2018 wurden hierzulande 972 Menschen verurteilt, weil sie Flüchtlingen beistanden: darunter Lisa Bosia-Mirra, Tessiner SP-Politikerin, Norbert Valley, Pfarrer von Le Locle und Anni Lanz, Seniorin aus Basel, deren „Taten“ schweizweit bekannt wurden. 
Ständerätin Lisa Mazzone (Grüne, GE) fordert nun in einer parlamentarischen Initiative die Änderung von Artikel 116 des Ausländer- und Integrationsgesetzes. Ziel ist die Entkriminalisierung von Menschen, die Geflüchteten aus achtenswerten Gründen Hilfe leisten. Unabhängig von der Entscheidung der Räte über die Initiative wollen wir Aktionen entwickeln mit dem Ziel, dass Strafbehörden Solidarität mit Geflüchteten nicht länger verfolgen. Es darf keine Bestrafung von Solidarität geben!

Am Workshop nehmen teil: Lisa Mazzone, Ständerätin; Peter Niederröst, Anwalt; Maja Hess, Ärztin und Menschenrechtsaktivistin.
Moderation: Christoph Albrecht SJ, Paul Leuzinger, Verena Mühlethaler
Organisation: Netzwerk migrationscharta.ch
Workshop A10, Sa 29.2.2020, 14-15.30 Uhr, Rote Fabrik Zürich

Gründung von Solinetz Schweiz

Im Anschluss an den oben genannten Workshop (ca. 15.15-15.30 Uhr) gründen wir Solinetz Schweiz, das nationale Netzwerk der verschiedenen regionalen Solidaritätsnetze. Herzliche Einladung an alle, die sich mit Asylsuchenden, Geflüchteten und Sans-Papiers für eine solidarische Gesellschaft und eine Willkommenskultur einsetzen oder sich für ein Engagement in diesen Anliegen interessieren!
Organisation: Solinetze aus verschiedenen Kantonen und Regionen sowie das Netzwerk migrationscharta.ch
Sa 29.2.2020, ab 15.15 Uhr, Rote Fabrik Zürich
Anmeldung zum Kongress Reclaim Democracy

Hier gelangen Sie zu einem vertiefenden Beitrag von Christoph Albrecht SJ

Weiterer Anlass, an dem Christoph Albrecht SJ mitwirkt:
Abgewiesene Asylsuchende erzählen – Fachleute hören zu
von Politik (Balthasar Glättli, SP/ZH), Verwaltung (Walter Leimgruber, Präsident Eidgenössische Migrationskommission), Zivilgesellschaft (Saule Yerkebayeva Vorstand Solinetz ZH) und Kirchen (Verena Mühlethaler, Pfarrerin Offene Kirche St. Jakob, Christoph Albrecht SJ, Jesuitenflüchtlingsdienst Schweiz)
Montag, 10. Februar 2020, 17 Uhr, Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13 Zürich (neben Grossmünster)


Antijudaismus in Kirchen – 75 Jahre nach Ausschwitz: Radiodebatte mit Provinzial Christian Rutishauser SJ

von Pia Seiler

Heute vor 75 Jahren, ebenfalls ein Montag, befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Ausschwitz. Gestern Sonntag thematisierte Radio SRF 2 Kultur die Frage: Warum gibt es Antijudaismus bis in unsere Tage in Kirchen und Theologie?

Papst Johannes Paul II sagte, Antisemitismus sei eine Sünde. Seine Nachfolger bekräftigten dies immer wieder, und die meisten Kirchen und Konfessionen verurteilen jede Form von Judenhass. Warum aber hat das öffentliche Umdenken vor allem auf evangelischer Seite erst ab den 1980er Jahren eingesetzt? Und warum fallen in Kirchenkreisen, zwar vereinzelt doch immer wieder, antijüdische Worte und wird am Sonntag gegen «die Pharisäer» gepredigt? Eine Debatte, nachzuhören auf Radio SRF 2 Kultur: geleitet von Judith Wipfler und geführt von Tanja Oldenhage, Pfarrerin in Zürich-Fluntern und Christian Rutishauer SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten.  

Hier gelangen Sie zur Radiosendung «Alles gut? – Christlicher Antijudaismus heute

Bild: Schuhe am Donau-Ufer in Budapest, Mahnmal der Künstler Gyula Pauer und Can Togay, das sie 2005 auf einer Länge von 40 Metern gestaltet haben.

 


1. Januar, Fest Jesu Beschneidung: Stimmen zur Wiedereinführung

von Pia Seiler

Seit zehn Jahren setzen sich verschiedene Theologen und Theologinnen für eine liturgische Erneuerung des 1. Januar ein. Dazu ein neues Buch, eine Petition an Papst Franziskus, mitunterzeichnet vom Provinzial der Schweizer Jesuiten Christian Rutishauser SJ und eine Radiosendung mit ihm.

«Am achten Tag wurde er beschnitten und ihm wurde der Name Jesus gegeben»: So wird bis heute am 1. Januar aus der Bibel verkündet. Am Oktavtag, am achten Tag nach Weihnachten, ist über Jahrhunderte der Beschneidung Jesu und seiner Namensgebung gedacht worden. Dies wieder in den Festtagskalender aufzunehmen, ist von grosser Aktualität, wird die Menschwerdung Gottes in Christus damit konkret bis in die Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit hinein gefeiert. Zudem wird Jesu Eintritt in den «ungekündigten Bund» Gottes mit seinem jüdischen Volk vergegenwärtigt. Im Frühjahr 2020 wird dazu im Herder Verlag eine Aufsatzsammlung erscheinen, herausgegeben von Prof. Jan-Heiner Tück, Wien.


Frohe Weihnachten!

von Regula Lutz

Im Namen aller Jesuiten in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Litauen und Schweden wünschen Ihnen die vier Provinziäle der zukünftigen zentraleuropäischen Provinz frohe und gesegnte Weihnachten! 

Hier geht´s zum Video


Nothilfe – Angst, Willkür und Isolation

von Regula Lutz

 

Weihnachtsgeschichten erzählen oft von Menschen in schwierigen Situationen, die sich dann gerade noch rechtzeitig glücklich wenden. Die Unterbringung von Asylsuchenden in den neuen Bundesasylzentren mit ihren lagerhaften Bedingungen verlangen dringend nach glücklichen Wendungen - aber nicht nur als Wunder für einige Wenige, sondern mit einer anderen Politik!
Denn für alle jene, die mit einem negativen Entscheid konfrontiert werden, wird der re-traumatisierende Dauerstress noch schlimmer. Eine glückliche Wende ist nicht in Sicht.

Ein Bericht in "Neue Wege" von Christoph Albrecht SJ.


«Geh in Dein grosses Kommen»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

 

Gang in die Weihnacht

 

Da lauf ich auf den Fliesen,

Der Schnee schaut blau herein.

Was wird, was wird mit diesen,

Die all so laufen, sein?

 

Man müsst die Taube sehen.

Die sang heut Nacht wie nie.

Sie gehen und sie gehen

Und jede denkt, sie knie.

 

Da geh ich so benommen,

Der Schnee fällt blau und rein.

Geh in Dein grosses Kommen

Halt unaussprechlich ein.

 

Silja Walter

 

Weisse Weihnachten sind ein Wunschtraum von Vielen. Wunderbar die Festlichkeit, wenn eine Schneelandschaft mit Lichtern erhellt wird. Silja Walter hat solche Festtage noch in den Niederungen des Mittallands an der Limmat erlebt. Doch nicht weiss, sondern blau erscheint ihr der Schnee, wenn sie durch die langen Gänge des Klosters geht. Es ist kalt, nicht nur gemütlich. Dieses Gehen aber ist ein Laufen, soll sich an Weihnachten doch das grosse Kommen Gottes ereignen. Wird dies die Nonnen auch wirklich ergreifen? Was geschieht mit dem Christen überhaupt auf diesem «Gang in die Weihnacht», fragt die erste Strophe besorgt. Die zweite Strophe setzt im Konjunktiv ein und formuliert die Bedingung auch ganz allgemein dazu: «Man müsst die Taube sehen.» Viele denken, dass sie dazu genügend spirituell sind und knien. Doch ist dem so? Die Sorge spricht auch aus der zweiten Strophe. Sie ist bei aller Frömmigkeit und allem Sich-Vorbereiten, das mit dem wiederholten «gehen» unterstrichen wird, nicht vertrieben. Von Zweifel und trotzdem Gehen hin und her gerissen, geht das «Ich» in der dritten Strophe trotzdem weiter. Es braucht Ausdauer und Geduld, durch den langen Winter mit seiner blauen Kälte hindurch. Dann ereignet sich Weihnachten, Gott kommt an, im und durch das Knien, im und durch das spirituelle Üben, es gleichsam ins Unaussprechliche hinein überschreitend. Doch für dieses innere Geschehen gibt es keine Garantie. Nicht einmal die religiöse Anstrengung kann sie geben. Am kleinen, mundartsprachlichen «Halt», das die letzte Zeile eröffnet, scheint etwas vom Gnadenvollen und Unverfügbaren auf. Weihnachten geschieht den einen, den anderen nicht. Selig, wer daran keinen Anstoss nimmt! Selig vielmehr, wer sich mit den anderen freuen kann!

Christian Rutishauser SJ


«Was wollen wir noch sprechen, wo bald die Himmel brechen»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

Adventslied

 

Was wollen wir noch sprechen,

Wo bald die Himmel brechen

Ob eines Kindleins Last.

 

Was wollen wir noch wissen,

Wo Engel staunen müssen,

Und’s doch auch keiner fasst.

 

Was wollen wir noch scheinen

Begehren und beweinen,

Nicht haben macht so froh.

 

Bald blüht in allen Ställen

Und Kämmerlein und Zellen

Der Welt das leere Stroh.

Silja Walter

 

Überblickt man das lyrische Schaffen von Silja Walter, so fällt auf, wie sich ihr poetischer Stil entwickelt: von der klassischen Form eines Gedichts mit Strophen und Reimen zu einer freieren und komplexeren Anordnung von inhaltlichen, formalen und klanglichen Bezügen. Ein Lied, wie das vorliegende Adventslied, ist jedoch einfach aufgebaut, aus vier gleichförmigen Strophen, wobei die ersten drei je mit einer gleichlautenden Frage eröffnen: Was wollen wir sprechen, wissen, scheinen? Dieses Fragen wird mit Gottes Handeln und Sprechen, wie es sich an Weihnachten ereignet, kontrastiert. Wie klein ist doch das menschliche Planen angesichts von Gottes Handeln?! Was kann der Mensch schon voraussehen?! Sogar Engel staunen ober der Logik, dass die Himmel durch die Last eines Kindleins brechen. Der berühmte Epilog von Deutrojesaja kommt einem unweigerlich in den Sinn: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn.» (Jes 55,8)

In der dritten Strophe wird diese Gegenüberstellung noch gesteigert, wenn einerseits die Frage in der zweiten Zeile weitergeführt wird, andrerseits in der letzten Zeile eine Antwort die Frage auflöst: «Nicht haben macht so froh.»

Gottes Handeln ist dann die ganze Schlussstrophe gewidmet. Gerade in den unscheinbaren Räumen, die arm sind, blüht das Leben auf. Und es klingt ein altbekanntes Adventslied an: «Es ist ein Reis entsprungen…» nicht nur aus einer Wurzel zart, sondern sogar aus dem leeren Stroh.

Christian Rutishauser SJ


«Am Ende meiner endlosen Nächte»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

Wachet!

Tagsüber halte ich

Nachtwache

mit meiner verlöschten

Laterne, aber das urzeitliche

Morgenrot

glimmt schon darin.

Am Ende meiner endlosen

Nächte

geht mir die zeitlose

Sonne

in die gläserne Falle.

Silja Walter

«Seid wachsam!» «Steht endlich vom Schlaf auf!» «Erwacht!» «Bereitet Euch!» Solche und ähnliche Weckrufe durchziehen den Advent. Eine freudige Erwartung für die Ankunft des Heilands soll die vorweihnachtlichen Wochen prägen. Die Geburt Jesu von einst will sich mit seiner Ankunft im Heute der Welt verbinden. Auf sein endgültiges Wiederkommen am Ende der Zeit ist der Advent ausgerichtet. Dreifach sei nämlich das Kommen, sagt die spirituelle Tradition. Eigentlich kommt Christus immer und überall an, sofern man ihn einlässt. Empfangsbereitschaft und Offenheit, Wachheit und Aufmerksamkeit stehen denn auch exemplarisch für eine christliche Lebenshaltung. Silja Walter bringt dies in vielen ihrer Gedichte zum Ausdruck. Sie spricht weniger von der Anwesenheit oder Abwesenheit Gottes in ihrem Alltag. Vielmehr steht die Bewegung des sich immer neu ereignenden Ankommens Gottes im Menschen und in der Welt im Zentrum.

Das Adventsgedicht von Silja Walter, das sie einst für eine Kolumne im Aargauer Volksblatt schrieb, ist ein Aufruf zu dieser Haltung: «Wachet!» Es setzt paradox ein, wenn am Tag Nachtwache gehalten werden soll. Und es fährt nicht weniger spannungsvoll weiter, wenn dieses Wachen mit ausgelöschter Laterne geschehen soll. Schliesslich empfindet sich das lyrische Ich in endlosen Nächten. Dass hier eine geistig-geistliche Haltung beschrieben ist, ist offensichtlich. Der Imperativ, nicht zu schlafen, ruft aber nicht zu einer spirituellen Spitzenleistung auf. Vielmehr verweist das Gedicht mit der verlöschten Laterne auf eine Leere, die wohl auf die kontemplative Haltung des Nicht-Selber-Scheinen-Wollens, des Loslassens, der Demut gerichtet ist. Wer auf diese Weise seine Egozentrik lässt, lebt auf den grossen Tag hin, an dem Gott erscheint und Christus ankommt. Schon ist das Morgenrot sichtbar und die Sonne geht auf. Sie kann gar nicht anders, als auch die Laterne zu erfüllen. Dem Wachen und Erwartenden geht Gott in die Falle. Wie sehr es Gott liebt, bei den Menschen zu sein und sich von ihnen abhängig zu machen, beschreiben gerade biblische Weisheitstexte wieder und wieder.

Christian Rutishauser SJ