Der Papst im Irak: Eine Pilgerreise der Versöhnung

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Papst Franziskus betet in Mossul für die Opfer der IS-Terrormiliz, Screenshot SRF-Tagesschau 7.3.2021

Ein Papstbesuch in Pandemie-Zeiten: Mit seinem Besuch im Irak will Papst Franziskus ein Zeichen der Verbundenheit von Christen, Juden und Muslimen setzen. Heute leben noch rund 250 000 Christinnen und Christen im Irak. Viele haben das Land während der Regentschaft Saddam Husseins verlassen. Es ist der erste Besuch eines Papstes im Irak. Trotz Corona, trotz Kritik im Vorfeld: Papst Franziskus wollte die Iraker nicht noch einmal enttäuschen, nachdem Johannes Paul II. im Jahr 2000 die Reise absagen musste.

Vor Ort sind die beiden Jesuiten Marc Stephan Giese SJ, der in Amman/Jordanien lebt und arbeitet sowie Peter Balleis SJ, geschäftsführender Präsident von Jesuit Worldwide Learning JWL mit Sitz in Genf, einer Bildungsinstitution, die Flüchtlingen, Armen und Marginalisierten via Internet Zugang zu Hochschulbildung ermöglicht.
Marc Stephan Giese SJ und Peter Balleis SJ berichten aus Erbil, der kurdischen Regionalhauptstadt im Norden des Irak:
„Die Glocken der St. Georgs Kirche, der ältesten Kirche in Erbil mit Fundamenten im 8. Jahrhundert, läuteten etwas ungewöhnlich lang und zu einer ungewöhnlichen Zeit am Freitagnachmittag, 5. März. Sie läuteten, um Papst Franziskus im Irak willkommen zu heissen, der zu diesem Zeitpunkt in der Hauptstadt Bagdad landete. 
In der Kirche selbst wie auch in anderen Kirchen in Ankawa, dem Christenviertel in Erbil, waren keine Plakate zum Papstbesuch zu finden. An der Strasse zum Flughafen waren die offiziellen Willkommensposter der kurdischen Regierung zu sehen, ebenso in der Hauptstrasse in Ankawa. Aber insgesamt sind die Zeichen des Papstbesuches eher zurückhaltend. Man hört in der öffentlichen Diskussion kritische Bemerkungen zu den Corona-Regeln und einer Papstmesse im Stadium; selbst auf dem dicht bevölkerten Basar trägt fast niemand eine Maske, und die Teehäuser und Restaurants sind offen.

Kurdische Muslime kritisieren dass Treffen des Papstes mit dem höchsten Führer der Schiiten, Grossayatollah Ali Al-Sistani in  der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf. Eine schiitische Miliz, die noch vor zwei Wochen Raketen auf Erbil geschossen hat, sicherte eine Waffenruhe während des Besuches zu. An all dem wird die Komplexität der Pilgerreise von Papst Franziskus im Stammland Abrahams und des Propheten Jona deutlich.  

Nach Besuchen in Mossul und Qaraqosh feierte ein sichtlich ermüdeter Pontifex mit über 10 000 Gläubigen und Vertretern anderer Konfessionen am Sonntag die Eucharistie in Erbil – für die Anwesenden ein Moment der Ermutigung und der Hoffnung. In seiner Predigt zollte der Heilige Vater den christlichen Gemeinschaften im Irak seine Anerkennung für ihr Zeugnis der Barmherzigkeit und der Vergebung. Spontaner Jubel brach aus, als er den Satz sagte: „Die Kirche im Irak lebt und in ihr lebt Christus.“

Die Mitfeiernden fühlten sich gesehen und in ihren Herausforderungen wahr- und ernstgenommen. Sehr viele Christinnen und Christen in Kurdistan und im ganzen Norden denken noch immer noch darüber nach auszuwandern, da waren die Worte von Franziskus sehr wichtig. Der Papst baute aber auch einige gut verpackte Kritikpunkte für die Ortskirchen in seine Predigt und die anderen Ansprachen ein. Die Botschaft der universellen Geschwisterlichkeit, die ja auch das Motto dieser Papstreise als Ganzes gewesen ist, hält auch für die christlichen Gemeinschaften einige Herausforderungen bereit.

„Die christliche Kirche im Irak lebt.“ Das war der Satz, der die Herzen aller am meisten bewegte. Deshalb sei er als Pilger in den Irak gekommen, um die lebende christliche Kirche zu treffen, die so viel gelitten hat und so viel geleistet hat, in der Aufnahme der Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene. Er kam in den Irak, um bei den Armen und Marginalisierten zu sein, die durch Gewalt und Krieg so viel schweres Leid ertragen mussten. Diese Worte richteten sich an alle Iraker, an die Vielfalt an religiösen und konfessionellen, kulturellen und ethnischen Gruppen. Im Gottesdienst erklangen die Sprachen des Landes: Arabisch, Kurdisch, Aramäisch der chaldäischen Christen, und auch ein wenig English für die internationale Gemeinschaft und Italienisch, die Sprache des Papstes. Die Vielfalt ist das Kreuz, aber auch die Chance im Irak. Franziskus stellte das Kreuz, das Leiden dieses Landes in den Mittelpunkt seiner Botschaft, die aber immer zur Auferstehung führt, zu einer lebenden Kirche und zu einer neuen Zukunft des Landes. Diese „Gute Nachricht“ zu hören, tut den Menschen im Irak besonders gut, die gewohnt sind, dass aus ihrem Land sonst nur schlechte Nachrichten kommen. Der Besuch des Papstes war eine gute Nachricht, die Stimme und die Gesichter der 95% der Iraker, die friedlich leben und miteinander zusammenleben wollen.

Der Papst beendete die Messe mit den arabischen Worten: „Salam“ und „Allah ma’akum“ – „Frieden“ und „Gott ist mit Euch“, und wieder brandete lauter Jubel auf. Das eine ist die Hoffnung, die der Pontifex wieder entfacht hat, und das andere die Gewissheit. Gott ist mit den Bewohnern dieses Landes, denen Franziskus mit seinem Besuch seine Liebe und Aufmerksamkeit gezeigt hat. Die Früchte müssen erst noch wachsen, aber die Begegnungen der letzten Tage lassen doch wenigstens ein wenig Hoffnungsluft spüren. Am Ende stellten sich noch die vielen Jugendlichen Freiwilligen zum Gruppenfoto auf: Ja, die Kirche lebt im Irak.

In seinen Abschiedsworten am Ende des Gottesdienstes dankte Papst Franziskus auch den internationalen und kirchlichen Hilfsorganisationen, die viel im Irak leisteten. Die Gesellschaft Jesu ist mit dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) seit 2014 im Nordirak tätig mit syrischen Flüchtlingen, Jesiden und Christen, die der JRS bei der Rückkehr nach Qaraqosch begleitet. Seit 2017 ist auch Jesuit Worldwide Learning (JWL) mit einem speziellen Angebot von Online-Bildung an fünf Orten aktiv: im Domiz-Camp mit syrischen Flüchtlingen, im Khanke-Camp mit Yeziden und in Erbil mit Studenten aller Gruppen. Zwei der Graduierten aus Erbil sind mit ihren christlichen Gemeinden zurück nach Bartella und Qaraqosh gezogen und haben dort mit der Unterstützung der Kirchengemeinde JWL-Lernzentren gegründet. Mit der Rückkehr vieler Jesiden in die Sinjan-Berge ist auch JWL mitgezogen, die Studenten haben dort ein neues sechstes Lernzentrum begonnen. Insgesamt nehmen rund 500 junge Leute an den JWL-Kursen teil, angefangen von Englisch-Sprachkursen, über die professionellen Peace-Leader-Kurse bis hin zum Grundstudium in Liberal Arts und Bachelor in nachhaltiger Entwicklung. JWL knüpft mit der universitären Bildung an die große Bildungstradition der Jesuiten am Bagdad College und der Al Hokma Universität an, die vor 52 Jahren geschlossen worden war. Die Arbeit der Gesellschaft Jesu im Irak lebt."

 

Peter Balleis (r.) und Marc Stephan Giese in Erbil

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