10 Jahre an der Seite von Geflüchteten: Christoph Albrecht SJ berichtet

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Abgewiesene Asylsuchende in Kloten ZH beim gemeinsamen Kochen

Vor zehn Jahren gab Christoph Albrecht SJ dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz/ JRS Schweiz die erste Kontur. In den Folgejahren fokussierte er sich auf Orte im Land, wo Menschen die grösste Not erleiden. So kam er auf die abgewiesenen Asylsuchenden. «Sie leben meist in sehr prekären Situationen, ohne Möglichkeit, Perspektiven zu entwickeln, ohne ihre Traumata aufarbeiten zu können». Im Folgenden berichet Albrecht über ein Jahrzehnt im Dienste dieser Menschen.  

Sein Einsatz fusst im Engagement von P. Pedro Arrupe SJ: Im November 1980 gründete der damalige Generalobere in Rom den internationalen Jesuiten-Flüchtlingsdienst/ Jesuit Refugee Service JRS. Arrupe war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Vierzig Jahre später sind laut UNHCR gegen 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht; es ist die höchste erfasste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Toni Kurmann SJ berichtet im Anschluss über den JRS International und das weltweite Engagement der Jesuiten, das nötiger denn je ist. 

JRS Schweiz als Brückenbauer und Begleitung auf Augenhöhe 

Von Christoph Albrecht SJ

Viele Fragen waren offen, als ich im Oktober 2009 in Basel neben der Universitätsseelsorge den Auftrag bekam, in der Schweiz den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) aufzubauen. Dafür wurde ich vom Orden im Umfang einer 50-Prozent-Stelle freigestellt. Die mutigen Frauen des Solinetz Basel waren meine ersten Lehrerinnen. Sie begleiteten mich zu meinen neuen Lehrern, den abgewiesenen Asylsuchenden. 

Aufbauarbeit in Basel 
So gut es ging, versuchten wir diese zu begleiten, auch mit Gefängnisbesuchen, wenn sie in Ausschaffungs- oder Beuge- haft waren. Sonst wohnten sie in einer Notunterkunft (in Basel-Land) oder in der Notschlafstelle (in Basel-Stadt), die sie tagsüber immer verlassen mussten. 
Als Antwort darauf betrauten mich das Sozialamt Basel-Stadt und die kirchlichen Sozialdienste, eine Wärmestube für den Winter 2010/2011 einzurichten. Nur weni- ge kamen regelmässig und das Projekt wurde nach drei Monaten eingestellt. Die Idee hatte sich nicht genügend an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Aber das Projekt brachte uns neue Kon- takte zu Nothilfebetroffenen und ein motiviertes Freiwilligenteam, um einen neuen Deutschkurs zu starten. Und zwei Jahre später war auch unser Internetcafé eingerichtet. Sehr beliebt war der Deutsch- kurs der Studierenden der Katholischen Universitätsgemeinde. 
Im Sommer 2015 veröffentlichten wir die Migrationscharta (migrationscharta.ch). Sie verbindet seither ein ökumeni- sches Netzwerk von Engagierten in der Kirche. 

Unterstützung von Asylsuchenden in Zürich
Bei meinem Wechsel nach Zürich im Som- mer 2016 war ich froh um die verlässlichen Partnerinnen und Partner in Pfarreien, kirchlichen Sozialdiensten und Gemein- schaften in Basel. Diese sorgten für die notwendige Kontinuität in den zahlrei- chen persönlichen Unterstützungsbeziehungen. 
Mit der lokalen Verwurzelung des JRS Schweiz musste ich in Zürich neu begin- nen. Im Gespräch mit dem Solinetz Zürich und der Autonomen Schule wurde rasch klar, dass auch im Kanton Zürich die ab- gewiesenen Asylsuchenden am drin- gendsten Unterstützung brauchen. Regel- mässige Besuche in den Notunterkünften liessen seither helfende Beziehungen zu mindestens 150 Personen in grösster Pre- karität wachsen: ÖV-Monatsabonnemen- te, um Solinetz-Deutschkurse in den städ- tischen Pfarreien und Kirchgemeinden zu besuchen, Vermittlung von Anwältinnen und Anwälten, gesundheitliche Betreu- ung, Unterkunft und Beschäftigung, Begleitung bei Behördengängen, gemein- sames Kochen und Abendessen. Neu hin- zukommende Freiwillige und die Zusam- menarbeit mit verschiedenen Gruppen halfen mir bei diesen vielfältigen Auf- gaben und bestärkten mich weiterzu- machen. Dieses Zusammenspiel, ein ver- lässlicher Partner zu sein und zu erkennen, was der spezifische Beitrag von JRS Schweiz ist, bildet schliesslich den Boden für die spirituelle Dimension in dieser Arbeit. 

Glaube und Gerechtigkeit 
Die Arbeit des JRS ist seit seiner Grün- dung vor 40 Jahren nicht eindeutig als Sozialarbeit einzuordnen. Die spirituelle Dimension ist durch die geistliche Grund- ausrichtung des Jesuitenordens mitge- geben. Im christlichen Selbstverständnis geht es natürlich darum, alle Flüchtlinge zu unterstützen. Die Einsicht, auch frem- den Menschen aus der Not zu helfen, stützt sich vielleicht am deutlichsten auf das Gleichnis vom barmherzigen Sama- riter. Die Haltung gegenüber Geflüchte- ten im Speziellen findet in der biblischen Tradition den Bezug zu unzähligen Ge- schichten eigener Fluchterfahrung und im Verständnis des Lebens als Pilgerschaft überhaupt. 
Seit Mitte 1970er-Jahre gilt für den gan- zen Jesuitenorden: Der Einsatz für Glaube und der Einsatz für Gerechtigkeit sind eins. Diese Einheit berührt das Herz der jesui- tischen Sendung. Die Bedeutung des Sozialapostolats für den ganzen Orden war zum ersten Mal im Mai 1968 von den lateinamerikanischen Jesuitenprovinziä- len festgehalten worden. Damit folgten sie der Inspiration des damaligen General- oberen Pedro Arrupe SJ. 

Eher «mit» statt «für» 
Um die Formulierung dieser Einheit wurde seither immer wieder gerungen. Zuletzt zeigt sich diese Grundhaltung auch in den 2019 formulierten vier Universalen Apos- tolischen Präferenzen, an denen sich jedes Wirken von Jesuiten orientieren soll. Es geht um die Arbeit auf Augenhöhe. 
In einer vom Solinetz Zürich 2019 als Hilfestellung für ihre Freiwilligen heraus- gegebenen Broschüre schrieb ich: «Wenn ich mich für Menschen in Not einsetze, entstehen asymmetrische Beziehungen. Geflüchtete haben bei allem Erfahrungsreichtum, den sie mitbringen, viel weniger Handlungsmöglichkeiten als wir Freiwilli- gen mit sicherem Aufenthaltsstatus. Das können wir bei allem Streben nach einer Begegnung auf Augenhöhe nicht ignorie- ren. Doch das muss ja nicht für immer so sein: Wer gestern angekommen ist und vielleicht noch Jahre braucht, um hier Fuss zu fassen, wird sich im glückenden Fall bei uns doch immer mehr zuhause fühlen. Warum sollten wir uns also nicht jetzt schon als gute Nachbarn begegnen? Wa- rum nicht jetzt schon die Entstehung von guten Freundschaften zulassen? Und habe ich schon nach Wegen gesucht, mich gemeinsam mit Geflüchteten für ein Projekt, für eine solidarische Gesellschaft einzu- setzen?» 

Lernen von den Betroffenen 
Konkret lässt sich der methodische Grund- satz des JRS, der Dreischritt accompany – serve – advocate, am besten umsetzen, wenn er von einer Haltung des Lernens von den Betroffenen getragen ist. Bevor wir wissen können, wie wir jemanden un- terstützen können, gilt es, sich kennen zu lernen, Wegstücke miteinander zu gehen (accompany). Und wo Menschen grobem Unrecht ausgesetzt sind, wird eine Unterstützung (serve)notwendigerweise auch zu einem Akt des Widerstandes und der Verteidigung (advocate) gegen ebendieses Unrecht. 
JRS kann in verschiedenster Hinsicht eine Brückenfunktion einnehmen: Zwischen kirchlichen Institutionen und Gemein- schaften und engagierten Menschen in der übrigen Zivilgesellschaft, zwischen Behörden und Institutionen und Solidari- tätsbewegungen, in der funktionalen Ver- netzung zwischen lokaler, regionaler und internationaler Ebene, in der Verknüpfung von Themen politischer, juristischer, psy- chologischer, kommunikativer und reli- giöser Natur, zwischen Menschen, die die Arbeit mit Geflüchteten vor allem finan- ziell unterstützen, und solchen, die, auch dank entsprechenden Spenden, im direkten Kontakt mit Betroffenen wirken können. 

Engagement und Spenden 
Gerade in der Arbeit mit Menschen, die durch die schweizerische Asyladminis- tration unter dem Existenzminimum gehalten werden, ist man auf finanzielle Mittel angewiesen. In den vergangenen 10 Jahren wurde der grösste Teil der ein- gegangenen Spenden zur Bezahlung von Monatsabonnementen des regionalen ÖV gebraucht. Der zweitgrösste Teil wird zur Finanzierung des Lebensunterhalts von Geflüchteten im Kirchenasyl einge- setzt. Weitere Summen werden immer wieder zur Bezahlung von Anwaltskos- ten und von Strafen (wegen illegalem Aufenthalt) aufgewendet, um zu verhin- dern, dass letztere in Haft umgewandelt werden, in der abgewiesene Asylsuchen- de oft retraumatisiert werden. Der kleins- te Teil sind Spesen für Freiwillige. Lohn- kosten gibt es keine, weil ich für die Arbeit für JRS Schweiz vom Orden freige- stellt bin. Spenden nehmen wir gerne über das Konto von Jesuiten weltweit (Vermerk: JRS Schweiz) entgegen. Wer sich engagieren möchte, melde sich bei christoph.albrecht@jesuiten.org.

Zum Bild: Seit 2017 treffen sich abgewiesene Asylsuchende jeden Dienstag zum gemeinsamen Kochen und Abendessen in Kloten ZH; Christoph Albrecht SJ unterstützt dieses und weitere Treffen mit einer Besuchsgruppe. Am offenen Anlass sind auch Einheimische  herzlich willkommen. Foto: Christian Ender 



40 Jahre JRS International 

Am 14. November 1980 wurde der Flüchtlingsdienst der Jesuiten, Jesuit Refugee Service (JRS), in Rom von P. Pedro Arrupe SJ gegründet. Der damalige Generalobere war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Innerhalb weniger Wochen meldeten sich viele Jesuiten und andere, die sich für die Boatpeople engagieren wollten. Seit 40 Jahren antwortet der JRS aus einer christlichen Haltung heraus auf Flucht und Vertreibung von Menschen. 

Von Toni Kurmann SJ

Boatpeople wurden die Menschen genannt, die aufgrund der repres- siven Verhältnisse nach dem Ende des Vietnamkrieges 1975 ihre Heimat ver- liessen. Nach heutigen Schätzungen suchten 1,6 Millionen den Weg in eine andere Zukunft. Die Nachbarländer Kambodscha, die Volksrepublik China und Laos eigneten sich kaum als Zufluchtsorte. So blieb der Weg über das Meer in überladenen und nicht seetauglichen Booten als einzige Alternative. Geschätzte 250 000 Menschen fanden im Südchinesischen Meer den Tod. 

«So nicht!» 
Die Menschenrechte entstanden aus dem Entsetzen über die unzählbaren Opfer des 2. Weltkrieges (1939–1945). Eine neue glo- bale Solidarität führte 1948 zur Verab- schiedung der für uns heute verpflichten- den universalen Menschenrechte der Vereinten Nationen. Pedro Arrupe SJ war persönlich Zeuge einer der grössten hu- manitären Katastrophen des 20. Jahrhun- derts, dem Bombenabwurf auf Hiroshima 1945. Anlässlich einer Gedenkrede am 6. August 1980 verglich er das humanitäre Drama der Boatpeople mit Hiroshima. 
1980 hat sich aus dem Impuls «So nicht!» von Pedro Arrupe SJ die heute weltweit tätige humanitäre Organisation JRS ent- wickelt. Aus Mitgefühl (compassion) mit den Flüchtlingen haben sich über die Jah- re drei handlungsleitende Schwerpunkte des JRS herausgebildet: accompany (be- gleiten), serve (dienen) und advocate (sich einsetzen). Aus einer solidarischen christ- lichen Grundhaltung heraus werden Men- schen auf der Flucht nicht alleingelassen, sondern für ihre Nöte Lösungen gesucht, auch auf struktureller Ebene. Damals war Arrupe wohl der Meinung, es handle sich nur um ein temporäres Phänomen. Die Entwicklung der letzten 40 Jahre führt drastisch vor Augen: Das Schicksal der Geflüchteten hat sich zur grössten hu- manitären Krise der Gegenwart entwi- ckelt. Ende 2019 waren 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Wenn diese Zahl für ein Land stehen würde, wäre dies das 20-grösste der Welt! 

Engagement der Schweiz von Anfang an
P. Hubert Hänggi SJ und seine Mitarbei- tenden in der Missionsprokur der Schwei- zer Jesuiten kamen bereits in diesen ersten Monaten in direkten Kontakt mit dem JRS. Der erste Direktor des internationalen Büros in Rom, der deutsche Jesuit Dieter Scholz SJ, begann an den regelmässigen Treffen der zentraleuropäischen Missions- prokuratoren teilzunehmen. In dieser Run- de war er bestens bekannt, da er zuvor schon viele Jahre in Simbabwe (das im April 1980 unabhängig gewordene frü- here Rhodesien) gewirkt hatte. Er genoss einen grossen Vertrauensvorschuss und erhielt unkompliziert beachtliche finan- zielle Unterstützung für die Aufbauphase des JRS. Auch mit seinen Nachfolgern Mark Raper SJ (Australien), Luis Magriñà SJ (Spanien), Peter Balleis SJ (Deutschland) und dem aktuellen Direktor Tom Smolich SJ (USA) ist Zürich immer in direktem Kon- takt gestanden. 

Globale Kampagne gegen Personen-landminen
Kambodscha entwickelte sich Ende der 1980er-Jahre zu einem zweiten wichtigen Fokus des JRS. Ursprünglich hatte JRS kambodschanische Flüchtlinge in den Lagern in Thailand betreut. Nach der Ter- rorherrschaft der Roten Khmer und dem Abzug der darauf herrschenden vietna- mesischen Besatzungstruppen begleite- te JRS die Menschen bei ihrer Rückkehr in ihre Heimat. Zu den ersten in Kambod- scha Tätigen gehörte Bruder Noel Oliver SJ aus der Puna-Provinz, Indien. Er kann- te Pater Hänggi, der in Puna Theologie studiert hatte, seit den 1960er Jahren. 
Aufgrund dieser Verbundenheit klopfte Bruder Noel bei Pater Hänggi an und bat ihn inständig, die Arbeit in Kambodscha zu unterstützen. Pater Hänggi reiste 1991 zum ersten Mal nach Kambodscha, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ein wich- tiger Meilenstein der Arbeit des JRS in Kambodscha war die Behindertenwerk- stätte Banteay Prieb, das Zentrum der Friedenstaube. Hier fanden durch Perso- nenlandminen verstümmelte Menschen 
Ausbildungsmöglichkeiten. So fanden sie trotz ihrer Behinderungen einen Weg in die Zukunft. Bewegt von diesen Schick- salen, engagierten sich JRS und in beson- derer Weise die australische Ordensfrau Denise Coghlan in der internationalen Kampagne zur Bannung von Personen- landminen (ICBL). 1997 wurde dieser Kampagne der Friedensnobelpreis verlie- hen. Bei der Feier in Oslo war auch Thun Channareth, Mitarbeiter von Banteay Prieb, auf der Bühne. Er meistert sein Le- ben seit einem Personenlandminenvor- fall im Rollstuhl. Diese Geschichte der Hoffnung hat auch das Logo der Stiftung Jesuiten weltweit Schweiz inspiriert: Der Korpus mit einem kürzeren Bein hat sein Vorbild in einem Kreuz, das in Banteay Prieb hergestellt wurde. Das erste Kreuz hat Bruder Oliver wohl schon in den 1990er-Jahren als Geschenk nach Zürich mitgebracht. 

Der Krieg in Syrien 
Über die Jahre ergaben sich vielfältige Kooperationen zwischen dem JRS Inter- national und der Stiftung Jesuiten welt- weit Schweiz. Zum Beispiel waren zwei Schweizer Jesuiten in der Zentralafrikani- schen Republik im Einsatz. Luc Ruedin SJ arbeitete 2009 ein Jahr lang in Ouadda und Toni Kurmann SJ 2012 in Markounda fünf Monate im Rahmen seines Tertiats. P. Christoph Albrecht SJ baute JRS Schweiz auf (siehe Seiten 10–12 dieser Ausgabe) und engagiert sich für Flüchtlinge mitten unter uns. 
Intensiv beschäftigt hat uns der Krieg in Syrien. Pater Nawras Samour SJ, Syrer und bis Mitte 2020 Regionaldirektor des JRS Naher Osten, war ein Mann der ersten Stunde beim Aufbau von Nothilfe für die geflüchteten Menschen in seiner Heimat und in den umliegenden Ländern. 2014 erhielt er in Luzern den Schweizer «Prix Caritas» zusammen mit dem Caritas-Direk- tor von Jordanien. Immer wieder auf Be- such in der Schweiz, zuletzt 2019, hat er auf die grosse Not der Menschen aufmerk- sam gemacht. Die Solidarität der Schwei- zer Spenderinnen und Spender hat den grössten Fonds in der Geschichte der Stif- tung Jesuiten weltweit geäufnet. Nach wie vor brauchen die Flüchtlinge in Syrien wie auch in den Ländern Jordanien und Liba- non viel Unterstützung. 

JRS agiert immer globaler 
Der JRS versucht, das ignatianische Prin- zip «dorthin zu gehen, wo die Not am grössten ist» umzusetzen. Er kann nicht auf jede humanitäre Krise reagieren, hat aber in den 40 Jahren ein weltweites En- gagement entfaltet. Seine Arbeit spiegelt die grossen humanitären Katastrophen. In Afrika die Bürgerkriege in Angola und Mosambik im Rahmen der Unabhängig- keitsbewegungen, die Genozide in der Region der Grossen Seen. 
In Asien begleitet JRS Geflüchtete aus Myanmar in Thailand, seit 2017 auch die Rohingya, die Richtung Bangladesch und Indien flüchteten. Seit 2005 engagiert er sich auch in Afghanistan. Von Anfang an war dort die Bildung von Frauen ein wich- tiger Schwerpunkt. JRS hat gerade seine globale Bildungsinitiative Global Educa- tion Initiative, welche als Mercy in Motion (von Mitgefühl bewegt) startete, erfolg- reich abgeschlossen. Ziel war es, mög- lichst vielen von Flucht und Vertreibung betroffenen Kindern Schulbildung zu ermöglichen. Weltweit sind zwischen 

2015 und 2019 zusätzliche 38 Millionen Franken Spendengelder zusammenge- kommen. Damit haben 356 164 junge Menschen qualifizierte Schulbildung er- halten. Im Jahr 2019 weist JRS Hilfe für 811884 Menschen in 56 Ländern in sei- nem Jahresbericht aus. 

Einsatz auch für die Binnenvertriebenen
1980 konnte sich Pedro Arrupe SJ wohl nicht vorstellen, dass 40 Jahre später ge- mäss den offiziellen Statistiken des UNHCR in Genf 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Dauer von durchschnitt- lich 17 Jahren zwischen dem Verlassen des ursprünglichen Lebensraumes bis zu ei- nem gesicherten neuen Leben zeigt die bleibende Wichtigkeit einer humanitären Begleitung von Menschen auf der Flucht. Wie sich die gegenwärtige Covid-19- Pandemie auswirken wird, kann zurzeit noch niemand ermessen. All diese Heraus- forderungen im Blick, versucht JRS Inter- national auch in den kommenden Jahren seinen Beitrag zu leisten. 
Da sie keine internationalen Grenzen überschritten haben auf ihrer Flucht, werden sogenannte Binnenvertriebene von ihren Regierungen oft übersehen und nicht in Hilfsprogramme eingeschlossen. Gegen- wärtig gibt es 45,7 Millionen Binnenver- triebene. Für sie setzt sich JRS in den kom- menden Jahren verstärkt ein und will dazu beitragen, dass angemessene Gesetze in Kraft gesetzt werden. Damit will JRS dabei helfen, dass auch für die Binnenvertriebe- nen zukunftsorientierte Lösungen gefun- den werden. 

Ein besonderes Augenmerk auf Frauen
Gerade Frauen und Mädchen sind auf der Flucht besonders vulnerabel. Hinzu kommt, dass ihnen unter derartigen Ex- tremsituationen oft nur sehr beschränkte Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ihre Zukunft abzusichern und zu gestalten. JRS will verstärkt geschützte Räume schaffen, in denen Frauen ihre traumati- schen Erfahrungen aufarbeiten können. Auch werden sie unterstützt beim Aufbau eines sicheren Lebens für sich und ihre Familien. 
Damit nicht ganze Generationen von Menschen auf der Flucht ihre Schulbildung verpassen, engagiert sich JRS wei- terhin für eine Zukunft ermöglichende Bildung. In den klassischen Flüchtlings- lagern wird eine eigene Schulinfrastruk- tur aufgebaut. Für die in den Städten als Flüchtlinge lebenden Kinder wird die Integration in das lokale Schulsystem gefördert. 
Dies bedeutet, die Kinder beim Erlernen der lokalen Schulsprache mit ausserschu- lischen Kursen zu unterstützen. Dabei werden immer mehr auch Formen des Lernens über das Internet eingesetzt. Wenn Kinder in Lagern aufwachsen, brau- chen sie nach der Grundschule auch wei- terführende Bildungsmöglichkeiten. Ein Schwerpunkt liegt auf praktischen Aus- bildungen, die selbst unter den Bedin- gungen eines Flüchtlingslagers sinnvoll eingesetzt werden können. Für die Begabten stehen sogar universitäre Fern- kurse zur Verfügung. 

Bleibendes Lernen
Vierzig Jahre JRS ist auch ein Rückblick auf vier Jahrzehnte intensiven Lernens an der Seite von Vertriebenen und Geflüchteten. Bruder Noel Oliver, Schwester Denise Coghlan, Pater Christoph Albrecht und Sil- via Käppeli erzählen von Begegnungen, die ihr Leben prägen. Silvia Käppeli ist Ende Oktober 2020 von Kabul in die Schweiz zurückgekehrt. Als Expertin im Gesundheitswesen hat sie in den vergan- genen acht Jahren intensiv mit Frauen Wege gesucht, ihren Alltag in Familie und Gesellschaft zu gestalten. Rückblickend sagt sie: «Es ging um Bildung, Bildung, Bil- dung, aber nicht nur im Sinne von Wissens- vermittlung, wie Englisch oder Mathema- tik, sondern um Reflexion von Werten, die das Leben leiten, im afghanischen Islam und im Leben der Christinnen und Chris- ten, die dort arbeiten.» Sie konnte mit den afghanischen Frauen zusammen ihre Not und ihr Leid erkennen, benennen und ver- suchen, die Not zu lindern. Sie konnte Mit- gefühl in Handlung umsetzen. Dies wird nur in einer Kooperation mit den betroffe- nen Menschen möglich. 

Die Beiträge finden Sie auch im JWW-Weihnachtsmagazin 4/2020.

 

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