Menschenrechtler Stan Swamy SJ in Indien verhaftet – Jesuiten bitten Heiko Maas um Hilfe

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Stan Swamy SJ

In Indien ist der prominente Jesuitenpater und Menschenrechtler Stan Swamy (83) festegenommen worden. Pater Swamy kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte der Adivasi im ostindischen Bundesstaat Jharkhand. Die Behörden werfen ihm vor, «aufrührerische Reden» gehalten zu haben und Verbindungen zu maoistischen und terroristischen Gruppen zu unterhalten, was Swamy stets bestritten hat. Der gesundheitlich angeschlagene Priester ist in Untersuchungshaft und soll ins 1 500 Kilometer entfernte Mumbai gebracht werden: Ein Sondergericht der National Investigation Agency (NIA) hat am 23. Oktober eine Anhörung anberaumt. Menschenrechtsaktivisten kritisieren die Festnahme scharf. Seine Mitbrüder haben eine Online-Petition gestartet.

Die indische Bundespolizei hat am 8. Oktober den 83-jährigen Jesuitenpater Stan Lourduswamy verhaftet. Pater Swamy befand sich auf dem Bagaicha-Campus in der Nähe von Ranchi, Hauptstadt des ostindischen Bundesstaates Jharkhand – Bagaicha ist eine von Pater Swamy geleitete NGO, die mit Adivasi arbeitet und für sie eine Grundschule und ein technisches Ausbildungsinstitut betreibt. 

Die Festnahme hat Empörung ausgelöst. «Stan Swamy hat ein Leben lang für die Rechte der Adivasi gekämpft», schreibt Autorin und Historikerin Ramachandra Guha. «Deshalb versucht die Regierung, ihn zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen. Denn für dieses Regime haben die Profite der Bergbau-Unternehmen Vorrang vor dem Leben und der Existenzgrundlage der Adivasi.» Die Behörde habe keinen Haftbefehl gegen den Priester vorgelegt, und «die Leute von der National Investigation Agency waren grob und arrogant», zitiert das katholische Online-Magazin «Matters India» einen Mitbruder von Pater Swamy. 

Die Verhaftung des Jesuiten und Menschenrechtsaktivisten steht im Zusammenhang mit Protesten um die Jahreswende 2017/2018 in einem kleinen Dorf bei Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra: Dalits – «Unberührbare» im indischen Kastensystem – und Angehörige «höherer» Kasten waren bei einem Fest Dalits aufeinandergestossen. Das Engagement für Indiens indigene Bevölkerung, die unter Ausgrenzung und Menschenrechtsverletzungen leiden, hat immer wieder die Verhaftung prominenter Fürsprecher zur Folge: Am 28. August 2019 wurde die Schriftstellerin Varavara Rao, die Rechtsanwältin Sudha Bhardwaj sowie die Menschenrechtsaktivisten Vernon Gonsalves, Arun Ferreira und Gautam Navlakha festgenommen. Nun trifft die Staatsgewalt Pater Swamy. Dieser weist die Vorwürfe von sich und lässt aus der Haft die Botschaft ausrichten, er hoffe dass «der menschliche Verstand siegen» werde: «Wenn nicht, müssen und können wir bereit sein, die Konsequenzen zu tragen», sagt er und dankt allen, die sich mit ihm solidarisch zeigen.

George Pattery SJ, Präsident der Jesuit Conference of South Asia*, verurteilt die Verhaftung «aufs Schärfste». Pater Swamy habe «sein ganzes Leben für Tribals und ihre Rechte eingesetzt» und werde nun auf illegale Art ohne Haftbefehl inhaftiert. 
Im Bundesstaat Jharkhand gehören rund ein Viertel der Menschen zu indigenen Gemeinschaften. Pater Swamy hat die Übergriffe und illegalen Aktivitäten der Behörden gegen sie sorgfältig dokumentiert. «Swamy kämpfte für sie, er arbeitete für sie, er lebte mit ihnen», sagt Pattery. «Es gibt heute in unserem Kontext keine andere Person, die sich so sehr mit den Tribals identifiziert».
Die Jesuiten seien «schockiert und bestürzt» über die Festnahme. Pater Swamy wurde seit Juli 2020 bereits mehrfach verhört, teilweise über 15 Stunden ohne Unterbrechung. Er bestreitet seine Anwesenheit beim damaligen Fest der Dalits, erst recht bestreitet er Sympathien mit oder Aktionen zugunsten maoistischer Ideologie oder so motivierter Gewalttaten. George Pattery fordert: «In Anbetracht dessen, seines Alters und seines schlechten Gesundheitszustands ist es nicht notwendig, ihn für weitere Verhöre in Gewahrsam zu nehmen. Wir verlangen die sofortige Freilassung von Stan Swamy».

Die Katholische Bischofskonferenz Indiens CBCI brachte ihre «tiefe Trauer und Angst» über Swamys Verhaftung zum Ausdruck. Erzbischof und CBCI-Generalsekretär Felix Machado erklärt: «Unseren Berichten zufolge hat sich Pater Stan jahrzehntelang für den Schutz der Rechte der Adivasi, insbesondere für ihre Landrechte eingesetzt. Dies könnte den Interessen bestimmter Kreise entgegengewirkt haben. Als er im Juli/August 2020 von den Behörden befragt wurde, hat Pater Stan Swamy vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet, detaillierte Erklärungen abgegeben und seine Unschuld beteuert», so Machado. «Die CBCI appelliert eindringlich an die betroffenen Behörden, Pater Stan Swamy unverzüglich freizulassen und ihm zu erlauben, an seinen Wohnort zurückzukehren.»

Mit einem als "Brandbrief" betitelten Schreiben vom 15. Okober 2020 bitten nun auch die Jesuiten der deutschen Provinz und ihr internationales Hilfswerk jesuitenweltweit den deutschen Aussenminister Heiko Maas, sich bei der indischen Regierung für Pater Swamy einzusetzen und «Respekt und Schutz für Menschenrechtsaktivisten» in Indien einzufordern.

Unterstützung für Pater Stan Swamy SJ: 
Online-Petition auf change.org

*Der Präsident der Jesuit Conference of South Asia George Pattery SJ war vor einem Jahr in Zürich. Er berichtete über die zunehmend schwierige Lage in Indien unter Machthaber Narendra Modi und seiner Hindu-Nationalistischen BJP.  Andersdenkende und Andersgläubige, insbesondere Muslime und Christen, seien zur Zielscheibe des Regimes geworden – und immer wieder treffe es auch Marginalisierte, die von den Jesuiten in Indien mit zahlreichen Projekten unterstützt werden. Zum Beitrag in JWW 3/2019 Seite 2 

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