Aus Liebe zu Gott: Martin Föhn SJ gibt Einblick in seinen Berufungsweg

Martin Föhn SJ

2012 legte er die ewigen Gelübde ab, nun wird der Jesuit Martin Föhn am 17. Oktober in Zürich zum Priester geweiht. Corona-bedingt sind die Plätze in der Liebfrauenkirche beschränkt. Sie können jedoch per Livestream auf Youtube oder Facebook und akustisch auf Radio Maria ab 15 Uhr dabei sein.
Über seine Berufung lädt Martin Föhn zum Gespräch:
30. September in Basel (kug, Herbergsgasse 7) und
15. Oktober in Zürich (aki, Hirschengraben 86) je 20 Uhr.
Gottesdienste: 
27. September, Pfarrkirche Muotathal, noch als Diakon, 9 Uhr und
8. November als Priester, 10 Uhr.
24. Oktober, Kirche St. Clara Basel, weitere Primizfeier, 17 Uhr.

Wie kam es, dass Martin Föhn ausgerechnet in den Orden des Heiligen Ignatius eintrat – wo er doch mit dem Mann aus Loyola zunächst wenig  anfangen konnte und ihm die Jesuiten gar suspekt waren? Wie wurde er vom Bauernsohn im Muotathal zum Theologen, Philosophen und Mediator – wo er doch einst fand, Studieren sei nichts für ihn? Er sagt nun auch ja zum Priestertum – wo er sich doch fragt: «Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche als Mitglied des Klerus unterstützen?» Im Folgenden Antworten von Martin Föhn SJ (38).
Eine kürzere Version des Interviews finden Sie in der Herbstausgage der Zeitschrift Jesuiten weltweit.

«Die Suche nach einer grösseren Heimat ist zu Ende»

«Eigentlich waren mir Jesuiten immer eher suspekt und das Studienfach Theologie zu abstrakt.» Der Satz stammt von Ihnen, aus einem Interview 2013. 
Martin Föhn: Das habe ich tatsächlich einmal gesagt. 

Nun stehen Sie als Jesuit kurz vor der Priesterweihe. Wie kommt das? 
Zu Kirche, Religionsunterricht, christlichen Gebräuchen hatte ich immer einen guten Zugang – vor allem zu Christus als Freund und Begleiter. Gebete, das Tischgebet etwa, gehören bei uns zuhause im Muotathal zum Alltag. Ging ich morgens aus der Türe, sagte meine Mutter: «Gang i Gottes Name.» Prägend waren auch die Grosseltern, die jeden Abend den Rosenkranz beteten; war ich bei ihnen, betete ich mit. Als Jugendlicher dann stiess ich auf ein Buch mit Heiligen-Legenden: Dominikus, Franziskus, Antonius von Padua faszinierten mich. Zu Ignatius – Gründer eines Ordens, der nicht einmal heisst wie er – fand ich wenig Zugang. Das Einzige, was mir hängen blieb, war seine Innenschau auf Gefühle und Gedanken, das fand ich spannend. Dass ich je in seinen Orden eintreten würde, konnte ich nicht ahnen.

Um Jesuit zu werden, mussten Sie Theologie und Philosophie studieren, wie jeder Novize unabhängig seiner Vorbildung. Fanden Sie schliesslich Gefallen daran? 
Der eingangs zitierte Satz bezieht sich aufs Studieren allgemein. Kaum jemand im Umfeld meiner Herkunft hat studiert. Ich bin da als junger Erwachsener schon einen eigenen Weg gegangen. 

Sie lernten zunächst Landwirt, um den elterlichen Hof zu übernehmen und...
... so fest war die Absicht nicht (lacht).

Dann trat Ihr jüngerer Bruder an Ihre Stelle. War das eine Befreiung für Sie? 
Befreiung trifft es nicht. Ich war froh, dass mein Bruder Interesse für die Landwirtschaft hatte und den Hof übernahm. So konnte ich andere Wege einschlagen. Das Religiöse, das Spirituelle begleitet mich seit Kindheit. Ich suchte Kontakt mit Menschen in diesem Umfeld. Etwa zu einem anderen Landwirt-Lehrling, dessen Vater war Pastor einer Freikirche. Mit ihm redete ich oft und überlegte, mit seiner Organisation ins Ausland zu gehen. Bis mein Vater sagte: «Wenn du sowas machen willst, dann katholisch.» Für diesen Rat bin ich ihm bis heute dankbar. So lernte ich Mitarbeiter der Immenseer Missionare kennen, die Sozialeinsätze im globalen Süden vermitteln und konnte vier Monate nach Südamerika.

Wohin gingen Sie?  
Ich war in Peru, verbrachte vier Monate bei einer Luzerner Familie. Josy, der Gastvater,  arbeitete als Jugendarbeiter und Karin als Hebamme und Betreuerin von jungen ledigen Müttern.  

Die Welt stand Ihnen offen. Warum entschieden Sie sich ausgerechnet für ein  Ordensleben und das zölibatäre Priestertum?  
Die Stelle im Glaubensbekenntnis geht mir nahe, wo es heisst: «Ich glaube an den einen Gott... der alles geschaffen hat... die sichtbare und die unsichtbare Welt.» Diesen Gott liebe ich. Besonders fasziniert mich die unsichtbare, spirituelle, geistliche Welt. Alles Geschaffene hat eine materielle und eine spirituelle Seite. Spiritualität ist die Wahrnehmung von Beziehungsgeflechten in ihren Tiefen. So geht es im Geistlichen darum, wie man mit sich selbst, den anderen, der Umwelt und mit Gott in Beziehung treten kann. Es klingt vielleicht paradox, aber gerade der zölibatäre Priester befasst sich in umfassender Weise mit Beziehungen. Er ermutigt, tröstet, baut auf, denkt nach, vernetzt, versöhnt – darum dreht sich mein Leben, darum geht es im Orden, den ich gewählt habe. 

Gab es den einen, entscheidenden Moment, der Ihnen den Weg wies? 
Da gab es ein leises Gefühl in mir, dem ich gefolgt bin. Ich kann von keinem Erleuchtungs-Erlebnis berichten, vielmehr probierte ich Verschiedenes aus und näherte mich Schritt für Schritt meiner Bestimmung. 

Auf Ihrer Suche lernen Sie die Jesuiten eher zufällig kennen: Sie besuchten einen Exerzitien-Kurs im jesuitischen Lassalle-Haus und kamen auf den Geschmack. Wie denn? 
Ich wollte immer mal Exerzitien machen. Ferien standen an, und ich buchte kurzentschlossen einen Kurs, der ausser den Begleitgesprächen im Schweigen stattfand. Das gefiel mir. Ebenso die Atmosphäre, geprägt von der gelebten Spiritualität und Gemeinschaft der Handvoll Jesuiten im Haus. Ich erlebte, wie sie einerseits mitten im Leben stehen, sich mit ihren Gästen über Gott und die Welt auseinandersetzen und andererseits tiefe Verinnerlichung suchen. Es war Frühjahr 2009. Die Entscheidung reifte heran. Am Weihnachtsessen mit der Familie sagte ich: «Ich probiers mal. Wenns nicht geht, bin ich nach zwei Jahren zurück.» Im Herbst 2010 trat ich in Nürnberg ins Jesuiten-Noviziat ein.

Im September 2012 dann legten Sie die ewigen Gelübde ab. «Ich setze einen Punkt hinter allem, was ich bisher gemacht habe», sagten Sie und verschenkten Ihr Vermögen. War das schwer?
Überhaupt nicht. Ich spürte schon in der ersten Woche im Noviziat: Ich war angekommen. Ich weiss noch, wie ich mit anderen zusammensass und mir bewusst wurde: «Ich denke ja gar nicht mehr an eine Weltreise» – lange ein sehnlicher Wunsch von mir. Die Suche nach Heimat war zu Ende. Ich setzte einen Punkt, begann einen neuen Absatz. Auch wenn ich weiterhin unterwegs bin, räumlich und innerlich: Ich habe meinen Ort in der Gesellschaft gefunden.

Was macht die Gesellschaft Jesu zu Ihrer Heimat?
Der Orden ist nicht dasselbe wie eine Familie. Er besteht auch nicht aus Freunden und Kollegen, die ich mir ausgesucht habe – wir sind Mitbrüder auf einem gemeinsamen Fundament und Freunde und Gefährten von Christus. Auf ihn und sein Projekt der Gerechtigkeit, des Friedens, der Freude sind wir ausgerichtet. Wo immer ich auf der Welt eine Jesuiten-Kommunität antreffe, gibt es dieses gemeinsame Vorangehen von der ersten Begegnung an. Das verbindet und gibt Rückhalt. Das gefällt mir sehr.

Als Jesuit haben Sie schon ein beträchtliches Wegstück hinter sich. Sie studierten in München Philosophie, in Paris Theologie, waren in Zürich Hochschulseelsorger, engagierten sich in den Sommern in Sozialprojekten. Vor kurzem erlangten Sie zudem in Paris das Diplom zum Mediator. Warum diese Zusatzausbildung?
Mediation fasziniert mich. Sie bietet Raum, zu zweit oder in einer Gruppe den Weg zueinander zu finden. Mediation ist Austragen von Differenzen, ist Versöhnungsarbeit. Ich war lange ein harmoniebedürftiger Mensch und musste doch immer wieder Streit ertragen. Irgendwann habe ich Streitkultur als positiv und befruchtend erlebt. Bleibt diese Kultur aus, kann das verheerende Folgen haben.

Künftig kümmern Sie sich in Basel um Studierende und Menschen in den Stadtpfarreien. Durften Sie wählen? 
Nein. Wir werden gesandt. Aber ich durfte mich im Entscheidungsprozess einbringen. Die Aufgabe in Basel war denn auch eine meiner persönlichen Optionen.

Könnten Sie frei wünschen: Wohin zieht es Sie? 
Diese Frage stellt sich mir nicht. Ich finde es bereichernd, dass ich innerhalb der Ordensgemeinschaft gebraucht werde und vertraue darauf, dass ich dorthin geführt werde, wo ich meine Fähigkeiten einbringen kann, um Not welcher Art auch immer zu lindern. 

Zunächst nun steht der 17. Oktober an: der Tag, an dem Sie zusammen mit dem deutschen Jesuiten Moritz Kuhlmann die Priesterweihe in Zürich erhalten. Priester haben es nicht einfach im heutigen Kontext. Mussten Sie den Wunsch, Priester zu werden, oft verteidigen?
Nicht direkt vor anderen, aber vor mir selber. 

Können Sie mehr darüber sagen? 
Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche, dieses System als Mitglied des Klerus unterstützen? Das wird nicht immer einfach sein, ich habe aber Hoffnung. 

Worin besteht Ihre Hoffnung?
Die Kirche verfügt über ein reiches Instrumentarium an Hinweisen zur Lebensführung, geistlichen Übungen, Werten, Ritualen und Liturgien. Und es betrübt mich, dass wir es nicht schaffen, dies besser rüberzubringen. Das liegt aber nicht nur an der Kirche. Für eine Gesellschaft, die mehrheitlich konsum- und lustorientiert ist, bietet die Kirche eine Projektionsfläche für vieles. Mir geht es um die Tiefe in all ihren Dimensionen unseres Menschseins. Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen, hier in eine grössere Fülle zu kommen.

Für die Einladungskarte zur Priesterweihe wählten Sie die Worte: «Wo wohnst Du? – Kommt und seht!» Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Wohin wollen Sie uns mitnehmen? 
In die unsichtbare, tiefe und erfüllende Welt der Beziehungen mit Gott und der Welt. Christus ist mit uns unterwegs, «kommt und seht», ruft er uns zu. Wenn es uns gelingt, die Brücke von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt zu überschreiten, können wir die wertvollen Schätze unseres Glaubens, unserer Kirche entdecken, auch unsere Verletzlichkeit zulassen, damit sie geheilt werden kann. In der Tiefe erkennen wir das Fundament, auf dem wir stehen. Ist dieses Fundament fest und gut, können wir ganz uns selbst sein und gleichzeitig für andere da sein.
Interview Pia Seiler 

Zu den Bildern:
Vor der Kapelle beim Pragelpass, August 2019. Team der katholischen Landjugend in den Muotathaler Bergen, Martin Föhn 2. von links. 

Jesuiten-Symposion in Schwäbisch Gmünd 2018. Neben Martin Föhn SJ Alois Riedelsberger SJ aus Österreich.

Diakonweihe, Jesuitenkirche St. Ignace Paris, 6. April 2019. Weihbischof Thibault Verny, Diakon Maurice Houeham SJ, Provinzial von Südafrika, Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz. 

 

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