Dankbarkeits-Kampagne – fünfter Impuls: Zwei Schafe geben Ella in Albanien etwas Hoffnung

Ein Moment der Freude trotz Trauer: Die beiden Buben haben vor kurzem ihren Vater verloren
Axel Bödefeld SJ, zurzeit in Nordalbanien

Steigende Corona-Zahlen und Lockdown bestimmen die Nachrichten. Nicht weit entfernt von uns ist Corona zwar präsent, aber bei weitem nicht das ärgste Problem. Der deutsche Jesuitenpater Axel Bödefeld SJ lebt zurzeit in Albanien. Und ist dankbar für zwei Schafe, denen wohl bald weitere folgen: der fünfte Impuls in unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!». Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern der Kampagne. Er ermöglicht eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Hier gelangen Sie zum erstenzweitendritten und vierten Impuls. 

Von Axel Bödefeld SJ

Auf dem Foto haben die Personen gar keine Masken auf! Das stimmt, und damit sind sie hier in Albanien bei weitem nicht die einzigen. Gerade lebe ich für einige Wochen mit einer Schwesterngemeinschaft in Nordalbanien, und was ich täglich erfahre ist: Es gibt Lebensumstände, die sind so mühevoll und schwierig – da bleibt einfach keine Kraft und keine Aufmerksamkeit mehr für weitere Schwierigkeiten oder Auflagen. Corona ist präsent – aber anderes ist weit drängender:

Ella, die Mutter der beiden Jungs auf dem Foto, hat vor kurzem ihren Mann verloren. Er ist bei Reinigungsarbeiten in der städtischen Kanalisation erstickt. Die Stadtverwaltung verweigert die Anerkennung des Vorfalls als Arbeitsunfall und damit die Rente, weil er keine Schutzkleidung angelegt hatte. Nur: Diese Schutzkleidung gibt es gar nicht. 
Ella hatte Glück: Ihre Schwiegereltern haben sie nicht aus dem Haus vertrieben und die Söhne bei sich behalten. Die hiesigen Traditionen hätten ihnen ohne weiteres diese Möglichkeit eröffnet. Nun fehlt der Ernährer der Familie. Aber Ella hatte noch mehr Glück und arbeitet nun als Hauswirtschaftshilfe bei der Schwesterngemeinschaft, bei der ich gerade lebe und durch die ich Ella kennengelernt habe. Die Arbeit bei den Schwestern sichert ihr zumindest ein kleines Einkommen. 

Und was ist mit den Schafen auf dem Foto? Der Festtag des heiligen Nikolaus ist im albanischen Kulturraum ein großes Fest! Im Kosovo muss ein Huhn geschlachtet werden (mancherorts sogar mit der Auflage, das Blut zum Pfarrer zu bringen), in Albanien ist es gleich ein Schaf oder ein Schafbock. Und auch in diesen Traditionen verbünden sich Christen und Muslime. Am Vortag von Nikolaus brachte nun die Familie eines früheren Patienten der hiesigen Krankenambulanz den Schwestern einen Schafbock als Geschenk. Die Schwestern behandeln hier kostenlos und fachkundig – im Gegensatz zu den staatlichen und auch den privaten Krankenhäusern. So war der Schafbock Ausdruck der Dankbarkeit und des Respekt. Und es hat dem Tier das Leben gerettet, dass es bei den Schwestern gelandet ist. Sonst hätte der Bock den Tag wohl nicht überlebt. Nur: Was tun mit einem Schafbock ohne Stall und Herde und bei der fleischarmen Ernährung der neuen Besitzerinnen? Die Idee kam schnell: Mit einem Schaf an seiner Seite soll er den Schwiegereltern von Ella die Grundlage einer neuen wirtschaftlichen Existenz bilden. Also habe ich kurzentschlossen noch am gleichen Tag von meinem Geld ein weiteres Schaf gekauft. So wurde auch dieses zweite Tier nicht in einen Braten verwandelt, sondern am Sonntag in der früh um sieben Uhr mit dem Moped vor unsere Tür geliefert. 

Fachkundig geschnürt passt ein Schaf gut in den Kofferraum eines Kleinwagens, und die Gesundheitserziehung im Kindergarten von Ellas jüngerem Sohn war offensichtlich so eindrucksvoll, dass Berti sich und uns gefragt hat, ob das Schaf im Auto nicht auch einen Mundschutz brauche. Am Sonntagvormittag des Nikolaustages wurden dann Nikoll (der Schafbock) und Ramize (das Schaf) im Garten von Ellas Familie erstmals zusammengeführt. Zugegeben: Die erste Begegnung der beiden verlief eher kühl und distanziert als freundlich oder leidenschaftlich. Aber alle Beteiligten sind sich sicher: Das wird der Anfang einer neuen Herde. Hoffnung und Zuversicht keimen auf, weil plötzlich durch zusätzliches Einkommen neue Perspektiven erscheinen.  

Ich hätte nie gedacht, dass ein Schaf – genau genommen zwei Schafe – ausreichen, um Menschen wieder Mut zu machen. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich einmal ein Schaf kaufe und es in einem alten Ford Fiesta durch Albanien kutschiere. Aber ich bin sehr dankbar für diese unerwarteten Erfahrungen und die Überraschung, die der Nikolaus in diesem Jahr bereitgehalten hat. Und ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte und sie ergreifen konnte: mit ziemlich einfachen Mitteln Menschen wieder mehr Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem Leben einzuräumen. Es wird nicht immer ein Schaf sein oder zwei. Aber Gott wird uns weiter überraschen mit den Bällen, die er uns zuspielt. Und dabei nimmt uns Corona bei weitem nicht alle Handlungsmöglichkeiten, solche Pässe aufzugreifen und zu verwandeln. Wir müssen nur wach bleiben, um sie nicht zu verpassen. 

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