Dankbarkeits-Kampagne – sechster Impuls: Markus Inama SJ erlebte ein schwieriges Jahr in Wien

Wien, Dezember 2020
Markus Inama SJ aus Wien

Der österreichische Jesuit Markus Inama hat in Wien Corona im Oktober überstanden und den Terroranschlag im November hautnah miterlebt. Im Gedenken an die getöteten Menschen und in Dankbarkeit zu seinen Mitbrüdern blickt er zurück auf ein schwieriges Jahr: der sechste Impuls in unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!». Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern der Kampagne. Er ermöglicht eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Hier gelangen Sie zum erstenzweitendrittenvierten und fünften Impuls.

Von Markus Inama SJ

Seit ich wieder in Wien lebe, begegne ich ab und zu alten Bekannten. Zum Beispiel einer Freundin, die ich in den späten achtziger Jahren in den Wiener Caritashäusern kennen gelernt hatte und dann jahrelang aus den Augen verlor. Um zu beschreiben, wie sich mein Leben zurzeit anfühlt, erzählte ich ihr, dass ich meinen Kalender zweimal mit Terminen füllen könnte. Als berufstätige Ärztin und vierfache Mutter hat sie Verständnis dafür.

Diese Realität hatte sich für mich beim ersten Lockdown abrupt geändert. Mir waren nur mehr wenige Aktivitäten erlaubt. Meine Aussenkontakte musste ich auf ein Minimum reduzieren. Mein Fokus richtete sich auf die Gemeinschaft von zwölf Jesuiten, in der ich lebe. Obwohl ich bereits vor zwei Jahren nach Wien übergesiedelt bin, hatte ich jetzt erst das Gefühl, so richtig angekommen zu sein. Jeden Abend machte ich einen Spaziergang durch einen Teil der Innenstadt, der mir bis dahin völlig unbekannt war.

Während dem ersten Lockdown im Frühjahr hatten wir in unserer Kommunität viel darüber diskutiert, was aus dieser Krise – ausser dem neuen Wortschatz aus dem Bereich der Immunologie – zu lernen sei. Forscherinnen und Forscher haben das Virus studiert und – so wie es ausschaut – wirksame Impfstoffe entwickelt. Ob es auch in anderen Bereichen einen Fortschritt geben wird? Werden die sozialen und ökologischen Probleme, die durch die Pandemie deutlicher hervorgetreten sind, wirklich angegangen werden? Oder werden bestimmte Berufsgruppen, die während der Krise im Kleinen Grosses geleistet haben, nach der Krise mehr wertgeschätzt? 

Anfang Oktober reiste ich zweimal nach Osteuropa, um Sozialprojekte zu besuchen. Bei der Rückkehr am Wiener Flughafen lieferte ich jeweils einen negativen Corona-Test ab. Ende Oktober aber hatte ich Symptome: Schüttelfrost, Gliederschmerzen und Fieber. Mein dritter Test war positiv, ich musste in eine zehntägige Quarantäne. Die Frage, wo ich mich angesteckt hatte, konnte nicht sicher beantwortet werden. Die Frage, wie viel andere Menschen ich angesteckt hatte, schon eher. Bei den beiden Mitbrüdern, die höchstwahrscheinlich ich infiziert hatte, spürte ich keinerlei Vorwürfe. Darüber und über deren und meinen leichten bis moderaten Verlauf bin ich froh und dankbar.

Nachdem ich meine zehntägige Quarantäne beendet hatte, fühlte ich mich zwar noch schwach, aber ich wollte unbedingt wieder unter Menschen gehen. Es fügte sich gut, dass meine Schwester und mein Schwager auf Wien-Besuch waren. Wir trafen uns in einem Restaurant in der Innenstadt. Es war der Abend des zweiten Novembers. Während wir noch assen, wurde das Licht im Lokal gedimmt. Der Inhaber versperrte die Tür und erzählte von dem Terroranschlag im Stadtzentrum. Die Ungewissheit und das Warten begannen. Was wo genau passiert war, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Nach Mitternacht zogen wir mit 30 anderen Gästen in eine Dienstwohnung, die sich unmittelbar über dem Restaurant befindet. Ich legte mich auf den Fussboden und deckte mich mit einer Kinderdecke zu, die gerade einmal für meine Beine reichte. Schlafen konnte ich nicht. Als ich schliesslich um 3 Uhr in der Früh meine Schwester und meinen Schwager ins Hotel gebracht hatte und in unser Haus neben der Jesuitenkirche zurückkehren konnte, war ich heilfroh. Vier unschuldige Menschen hatten den Vorabend im Gegensatz zu uns nicht überlebt
Viele Momente des Leids und des Haderns dieses Jahr, die mich trotzdem dankbar stimmen lassen.

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