«Geh in Dein grosses Kommen»: mit Silja Walter durch den Advent

 

Gang in die Weihnacht

 

Da lauf ich auf den Fliesen,

Der Schnee schaut blau herein.

Was wird, was wird mit diesen,

Die all so laufen, sein?

 

Man müsst die Taube sehen.

Die sang heut Nacht wie nie.

Sie gehen und sie gehen

Und jede denkt, sie knie.

 

Da geh ich so benommen,

Der Schnee fällt blau und rein.

Geh in Dein grosses Kommen

Halt unaussprechlich ein.

 

Silja Walter

 

Weisse Weihnachten sind ein Wunschtraum von Vielen. Wunderbar die Festlichkeit, wenn eine Schneelandschaft mit Lichtern erhellt wird. Silja Walter hat solche Festtage noch in den Niederungen des Mittallands an der Limmat erlebt. Doch nicht weiss, sondern blau erscheint ihr der Schnee, wenn sie durch die langen Gänge des Klosters geht. Es ist kalt, nicht nur gemütlich. Dieses Gehen aber ist ein Laufen, soll sich an Weihnachten doch das grosse Kommen Gottes ereignen. Wird dies die Nonnen auch wirklich ergreifen? Was geschieht mit dem Christen überhaupt auf diesem «Gang in die Weihnacht», fragt die erste Strophe besorgt. Die zweite Strophe setzt im Konjunktiv ein und formuliert die Bedingung auch ganz allgemein dazu: «Man müsst die Taube sehen.» Viele denken, dass sie dazu genügend spirituell sind und knien. Doch ist dem so? Die Sorge spricht auch aus der zweiten Strophe. Sie ist bei aller Frömmigkeit und allem Sich-Vorbereiten, das mit dem wiederholten «gehen» unterstrichen wird, nicht vertrieben. Von Zweifel und trotzdem Gehen hin und her gerissen, geht das «Ich» in der dritten Strophe trotzdem weiter. Es braucht Ausdauer und Geduld, durch den langen Winter mit seiner blauen Kälte hindurch. Dann ereignet sich Weihnachten, Gott kommt an, im und durch das Knien, im und durch das spirituelle Üben, es gleichsam ins Unaussprechliche hinein überschreitend. Doch für dieses innere Geschehen gibt es keine Garantie. Nicht einmal die religiöse Anstrengung kann sie geben. Am kleinen, mundartsprachlichen «Halt», das die letzte Zeile eröffnet, scheint etwas vom Gnadenvollen und Unverfügbaren auf. Weihnachten geschieht den einen, den anderen nicht. Selig, wer daran keinen Anstoss nimmt! Selig vielmehr, wer sich mit den anderen freuen kann!

Christian Rutishauser SJ

Zurück