Mit dem Ignatianischen Tagesrückblick zur Dankbarkeit

Bertram Dickerhof SJ

Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!» – vor allem Kern der Ignatianischen Spiritualität der Jesuiten. Er ermöglicht Menschen eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Das ist für Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, von besonderer Bedeutung: Die innere Freiheit ermöglicht Handeln. Als zweiter Impuls heute: Wie dies mit Hilfe des Tagesrückblicks zu erlangen ist, erklärt der deutsche Jesuit Bertram Dickerhof SJ. Zum ersten Impuls von Niklaus Brantschen SJ gelangen Sie hier. 

Für Ignatius von Loyola waren Bewusstheit und innere Freiheit von zentraler Bedeutung. Immer wieder hat er empfohlen, sich stets die Freiheit des Geistes zu bewahren, unbeeinflusst von menschlicher Rücksicht: «Du solltest immer frei sein für das Gegenteil dessen, was du gerade tust, und diesen inneren Selbstbesitz dir durch kein Hindernis entreissen lassen.» Rücksichtnahme auf andere darf also nicht zum Gesetz des Handelns und Tätig-Sein nicht zum Mittel oder zur Rechtfertigung des Verlustes seiner selbst werden. Diese Freiheit des Geistes erlaubt Distanz, die es sowohl ermöglicht, in allem Gott zu finden, als auch dem Anderen personal zu begegnen. Darin aber liegt wahre Erfüllung. «Alles wirkliche Leben ist Begegnung» (Martin Buber) – auch wenn unsere Welt das Aufgehen (oder ist es ein Untergehen?) in Job, Genuss und symbiotischen Beziehungen vorzuziehen scheint. 

Der bewusste Selbstbesitz in innerer Freiheit ist im stressigen Alltag nicht ohne weiteres aufrecht zu erhalten, auch nicht nach einer morgendlichen stillen Zeit: Arbeitsdruck und gute oder schlechte Erlebnisse bemächtigen sich der Person. Der von Ignatius mittags und abends vorgeschlagene Rückblick auf den vergangenen halben Tag dient dazu, sich seiner selbst wieder bewusst zu werden und innere Freiheit zurückzugewinnen.

Es geht nicht um Kontrolle von Moral oder Vorsätzen in der Viertelstunde dieses Rückblicks, der passend «Gebet der liebenden Aufmerksamkeit» (Willi Lambert SJ) genannt wird: An einem ruhigen Platz unterbricht der Beter, die Betende die Antreiber des Alltags und schaut mit dem liebenden Blick Gottes auf sich selbst. Hilfreich ist, wenn man  zunächst einige Minuten tief, langsam und entspannt atmet und den Weg des Atems im Körper bewusst verfolgt. Das tiefe und langsame Atmen beruhigt und öffnet den Leib. Sodann nimmt man  wahr, wie es einem geht, was man vom Körper, von der Stimmung spürt. Und schaut, was einem aus der vergangenen Tageshälfte noch nachgeht und die innere Freiheit bindet. Der Geist wird nicht durch Analysieren und Verstehenwollen beruhigt, er wird vielmehr von den Gefühlen gestaltet. Deswegen ist ein entscheidender Schritt, nach den Gefühlen Ausschau zu halten, die mit dem Ereignis oder Thema, das den Betenden, die Betende beschäftigt, einhergeht und den Atem mit dem aufmerksamen Verweilen bei diesen Gefühlen zu verbinden. Das verschafft Abstand. Der Geist wird wieder freier. Allerdings muss man das Wahrnehmen seiner Gefühle geduldig üben und dazu bereit sein, Angenehmes los- und Unangenehmes dasein zu lassen. Beim Loslassen von Befriedigungen hilft, wenn man auch deren Kehrseite spürt, nämlich den Unfrieden, die Erregung und die Tendenz, «aus dem Häuschen» zu geraten. Wenn man dankt, kommt man zurück auf den Boden der Wirklichkeit: Erfolg, Lob, gute Begegnungen… sind bei allem eigenen Zutun immer auch unverfügbares Geschenk, das man empfangen durfte. 

Unangenehme Gefühle erinnern daran, dass das Aushalten von Spannung Grundlage des geistlichen Weges ist. Nicht umsonst ist das Kreuz das Markenzeichen des Christlichen. Das Dasein-Lassen des Störenden in der mit dem Atem verbundenen Wahrnehmung macht die Spannung aushaltbar. Der Betende, die Betende kann zudem Gott Klagen und Bitten, Proteste oder Reue anvertrauen. Später wird man auch für die erlebte Grenze danken können: an ihr erweisen sich manche der selbstverständlichen Vorstellungen vom Leben, von den anderen, der Welt, sich selbst als illusionär. Das bisheriges Selbstverständnis «stirbt» und man wird befreit dazu, mehr aus dem wahren Selbst und aus dem Grund aller Wirklichkeit, der unbedingte Liebe ist, zu leben. Staunend sieht der Betende, die Betende, dass in der bis auf den Grund durchlebten Ernüchterung reine Freude liegt, die den Geist ruhig macht und frei. So ist am Ende auch Unangenehmes ein Anlass zum Danken.

Oft fällt eine Idee für den nächsten Schritt bei diesem Rückblick ein, der zum Beispiel mit dem Vaterunser abgeschlossen wird.

Das Bewusstwerden bringt mich mit mir selbst in Kontakt, meine innere Klarheit und Entschiedenheit kann wachsen. Aus dem neu gewonnenen Bewusstsein kann Zufriedenheit und Glück wachsen. Das betende Üben stärkt nicht nur mein Selbstvertrauen, sondern prägt auch eine Achtsamkeit für Gottes Führung und Wirken in meinem Leben.

Anleitung:

Still werden. Den Atem spüren. 

Mich in Gottes Gegenwart stellen. 

Gott um einen ehrlichen Blick bitten. 

Auf den Tag schauen. 

Verweilen, wo ich angesprochen bin. 

Dank für Alles, was gut war. 

Bitte um Verzeihung für alles Ungute. 

Meine Pläne für Morgen Gott anvertrauen.

Vater Unser beten. 

AMEN.

 

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