Dankbarkeits-Kampagne der Jesuiten als Antwort auf Krisenstimmung

Die Jesuiten aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich starten die Kampagne «Trotzdem dankbar!». Damit geben sie mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie mit Hilfe der Ignatianischen Spiritualität eine Antwort auf die zunehmende Krisenstimmung.

Dieses Jahr war für die gesamte Gesellschaft herausfordernd. Das soziale Leben wurde nun zum zweiten Mal heruntergefahren, Menschen müssen auf Distanz gehen, bangen um ihre Existenzen und viele Einrichtungen haben geschlossen. Die Krise offenbart unsere Probleme wie unter einem Brennglas; die Verunsicherung und die Ängste verändern unsere Gesellschaft. Gründe zu verzagen, gäbe es genug. Dagegen gibt es Studien, die unterstreichen, dass eine dankbare Lebenshaltung das Immunsystem stärken und Menschen krisenresistenter machen kann. Bereits der Hl. Ignatius von Loyola war von der Wirkung der Dankbarkeit überzeugt und übte diesen Lebensstil in seinem Tagesrückblick ein, indem er sich jeden Abend vor Augen hielt, was ihm Gutes widerfahren ist.
Mit der Kampagne «Trotzdem dankbar!» bringen die Jesuiten den Menschen den Ignatianischen Tagesrückblick näher. «Wenn wir in Corona-Zeiten an den Abend häufiger zu Hause sind, ist dies eine Gelegenheit, Zeit für einen gestalteten Rückblick auf den Tag zu nehmen. Vielleicht hilft es, sich hinzusetzten und dazu eine Kerze anzuzünden, um ein anderes Licht auf das Erlebte zu werfen und so zu entdecken, wofür wir dankbar sein können», sagt Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten. «Es geht nicht darum, das Mühsame schönzureden. Vielmehr soll der Tag nachklingen, der Blick nicht fixiert, sondern der Horizont geweitet werden. Das macht auch unser Herz weit.» 

Ein spezielles Kapitel in diesen Tagen in Ihrem Tagebuch
Dies bedarf eines gewissen Trainings. Tagebucheinträge können dabei hilfreich sein. Durch das Aufschreiben werden Dinge deutlicher erkennbar, das verstärkt den Effekt. Der Blick wird auf das Wesentliche gelenkt und hilft, besonders in diesem Jahr mit einer positiven Haltung auf Weihnachten – dem Fest der Menschwerdung Gottes – zugehen zu können. Führen Sie bereits Tagebuch? Oder wäre es denkbar für Sie, dieser Tage zu einem Schreibheft zu greifen und Ihre Gedanken niederzuschreiben? Wir begleiten Sie dabei und starten heute mit einem ersten Impuls von Niklaus Brantschen SJ.

Wofür sind Sie dankbar?
Schreiben Sie uns an redaktion@jesuiten.ch, wir veröffentlichen Ihren Beitrag an dieser Stelle. 

 

Älter als alle Zeit, jünger als der Tag

Der Schreck der Zeit sitzt Niklaus Brantschen SJ in den Knochen – «hoffentlich nachhaltig», schreibt er. «Und ja, es ist möglich, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen – und dankbar zu sein. Dankbare Menschen schlafen besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Ich behaupte das nicht. Das zeigen neue Studien.»

Von Niklaus Brantschen SJ

Die Corona-Auszeit bietet bei all den Krisen, die damit verbunden sind, auch Chancen. Ich kann in diesen Wochen und Monaten bei Spaziergängen rund ums Lassalle-Haus im Herzen der Schweiz, wo ich wohne und wirke, die Natur ganz neu entdecken. Ich nahm im Frühjahr wahr, wie die Nadeln an den Lärchenzweigen sich täglich etwas mehr nach aussen wagten, wie der Duft des Bärlauchs vom Waldrand her in meine Nase stieg, wie jetzt im Spätherbst die Laubbäume sich lichten und mit letzter Kraft Knospen bilden, um bereit zu sein für den kommenden Frühling. In einem Hymnus der Mystikerin und Medizinerin Hildegard von Bingen über den Heiligen Geist spricht sie von der «Grünkraft», vom immergrünen Geist. Für sie ist die Erde durch und durch grün, das heisst voll Leben. Hildegard im Originalton: «Der Geist geht aus, wird grünender Leib und bringt seine Frucht. Das ist das Leben.» Das habe ich neu erfahren.

Die erzwungene Auszeit macht uns nachdenklich. Mir geht der Schreck unter die Haut, er sitzt in den Knochen, er wirkt über den Tag hinaus nach – hoffentlich nachhaltig.

Ich frage mich: Was kann ich in meinem hohen Alter beitragen, Neues sichtbar werden zu lassen? Wie kann ich das Neue, Junge, Frische, Hoffnungsvolle in mir als alter Mann pflegen, so dass es ansteckend wird? Ich bin alt, unsere Gesellschaft wird immer älter. Und doch, es ist etwas in uns, dass älter ist als alle Zeit und jünger als der Tag. Das möchte ich in meinen mir noch verbleibenden Jahren vermitteln. Das ewig Junge, das uns je neu anfangen lässt. Nicht mehr vom Gleichen oder mehr vom Gestern, sondern mehr vom Leben heute.

Dabei mag es in dieser unsicheren Zeit durchaus Gefühle der Unsicherheit, der Blockade, ja der Ohnmacht geben. Ratschlag habe ich leider keinen für die Bedrängnis des Lebens. Auch ein Ratschlag ist bekanntlich ein Schlag. Ich kann aber aus meiner Erfahrung sagen, dass trotz der Einschränkungen und Behinderungen, die wir erleben: Es ist möglich, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen. Auch ich habe meine Beschwerden, altersbedingte, und versuche trotzdem, jeden Tag wieder neu anzufangen und dankbar zu sein. Dankbarkeit scheint mir die zentralste menschliche Tugend.

Mir wurde in letzter Zeit einmal mehr der Zusammenhang von Dankbarkeit und Wohlbefinden deutlich. Zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es einige Untersuchungen, die nachweisen: Menschen, die dankbar sind, fühlen sich besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihren sozialen Beziehungen. Dankbare Menschen schlafen besser. Es ist also ratsam, sich am Abend zu fragen: Wofür kann ich danken? Wenn ich nichts finde, wofür ich dankbar bin, dann ist es hilfreich, sich achtsam auf den nächsten Tag einzustellen und zu fragen: Wie gehe ich durch den nächsten Tag? 

Mit offenen Sinnen und einem wachen Herzen, bereit, mich überraschen zu lassen – und dankbar!

 

Niklaus Brantschen (83) stammt aus dem Bergdorf Randa im Oberwallis und ist Jesuit und Zen-Meister. Er lebt und wirkt im Bildungszentrum Lassalle-Haus ob Zug.

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