«Was wollen wir noch sprechen, wo bald die Himmel brechen»: mit Silja Walter durch den Advent

Adventslied

 

Was wollen wir noch sprechen,

Wo bald die Himmel brechen

Ob eines Kindleins Last.

 

Was wollen wir noch wissen,

Wo Engel staunen müssen,

Und’s doch auch keiner fasst.

 

Was wollen wir noch scheinen

Begehren und beweinen,

Nicht haben macht so froh.

 

Bald blüht in allen Ställen

Und Kämmerlein und Zellen

Der Welt das leere Stroh.

Silja Walter

 

Überblickt man das lyrische Schaffen von Silja Walter, so fällt auf, wie sich ihr poetischer Stil entwickelt: von der klassischen Form eines Gedichts mit Strophen und Reimen zu einer freieren und komplexeren Anordnung von inhaltlichen, formalen und klanglichen Bezügen. Ein Lied, wie das vorliegende Adventslied, ist jedoch einfach aufgebaut, aus vier gleichförmigen Strophen, wobei die ersten drei je mit einer gleichlautenden Frage eröffnen: Was wollen wir sprechen, wissen, scheinen? Dieses Fragen wird mit Gottes Handeln und Sprechen, wie es sich an Weihnachten ereignet, kontrastiert. Wie klein ist doch das menschliche Planen angesichts von Gottes Handeln?! Was kann der Mensch schon voraussehen?! Sogar Engel staunen ober der Logik, dass die Himmel durch die Last eines Kindleins brechen. Der berühmte Epilog von Deutrojesaja kommt einem unweigerlich in den Sinn: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn.» (Jes 55,8)

In der dritten Strophe wird diese Gegenüberstellung noch gesteigert, wenn einerseits die Frage in der zweiten Zeile weitergeführt wird, andrerseits in der letzten Zeile eine Antwort die Frage auflöst: «Nicht haben macht so froh.»

Gottes Handeln ist dann die ganze Schlussstrophe gewidmet. Gerade in den unscheinbaren Räumen, die arm sind, blüht das Leben auf. Und es klingt ein altbekanntes Adventslied an: «Es ist ein Reis entsprungen…» nicht nur aus einer Wurzel zart, sondern sogar aus dem leeren Stroh.

Christian Rutishauser SJ

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