«Wir können uns dem neuen Jahr nur anvertrauen»: Segenswünsche von Christian Rutishauser SJ

Wer hätte vor einem Jahr gedacht, was das 2020 mit sich bringen wird? Was wissen wir heute, wie sich das 2021 entwickelt? Wir können uns dem neuen Jahr nur anvertrauen. Ihm achtsam begegnen, um angemessen zu handeln. Sich aber auch führen lassen, weil nicht alles von uns abhängt. «Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt,» steht dazu im Talmud.

In der jüdischen Tradition wird Neujahr, Rosch haSchana, im September gefeiert. Gezählt wird von der Erschaffung der Welt her, wie sie die Bibel erzählt. Wir stehen im Jahr 5781. Ein üblicher Neujahrsgruss lautet «Ein gutes und süsses Jahr». An Rosch haSchana wird daher Honig geschenkt. Ein anderer traditioneller Wunsch lautet «Gute Einschrift!». Der Mensch soll mit seinen guten Taten ins «Buch des Lebens» eingeschrieben werden. Gott, Schöpfer des Universums, wird als Richter am Ende der Zeiten den Menschen nach seinem Tun beurteilen. Auf das jüdische Neujahr folgen zehn Tage der Umkehr. Sie werden mit dem Versöhnungstag geschlossen. Vergebung also, damit das Jahr unbelasteten beginnt.

Aus dem Judentum kommt auch ein Neujahrswunsch zum 1. Januar: «Rutsch gut rüber!» Der Wunsch verdankt sich der akustischen Ähnlichkeit zu Rosch haSchana. Er ist über das Jiddische ins Deutsche «hineingerutscht». Ins neue Jahr hineinzustolpern, wäre ein schlechtes Zeichen. Christen und Christinnen wünschen aber auch einander ein «gesegnetes neues Jahr». Gottes Segen soll auf ihm liegen. Im Neujahrsgottesdienst wird der priesterliche Segen aus Num 6,22-27 gelesen: Gott lasse sein Angesicht leuchten. Der Name Gottes wird damit auf uns gelegt. Mir persönlich gefällt dieser Gedanke sehr. Da wir die Jahre nach der Geburt Christi zählen und der 1. Januar der Tag ist, an dem Jesus seinen Namen erhielt und beschnitten wurde, kann der Neujahrssegen so verstanden werden: Gott leuchte im Angesicht Christi auf. Der Name Jesu soll auf uns liegen.

Segnen zum Jahresbeginn bekommt damit eine tiefe Bedeutung. Segnen ist mehr als nur benedicere, Gutes sagen, wie es im Lateinischen heisst. Wenn wir einander in diesem Jahr aber Gutes sagen, ist schon die Hälfte gewonnen. 
Die andere Hälfte überlassen wir Gott.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr, 
Ihr Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz 

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