Zeit der Qualitätsprüfung: Echtlicht oder Irrlicht?

Was soll ich tun, was lassen? Wo soll ich verweilen, was besser meiden? Wo einsteigen, wo aussteigen? Echtes Licht oder Irrlicht? Wer kann schon den Unterschied sagen? Wie viele Schlaglichter, Leuchtreklamen und Lichteffekte werben um unsere Gefolgschaft und verheissen Glück? Wie können wir sagen, dass wir dem echten Licht auf der Spur sind?

Tatsächlich förderte eine Umfrage, welche die Zufriedenheit von Menschen in ihren alltäglichen Verrichtungen erhob, folgendes Fazit zutage: Menschen verbringen ordentlich viel Zeit mit Tätigkeiten, die ihnen nicht sonderlich sinnvoll vorkommen. Menschen shoppen, sehen fern, konsumieren, surfen im Internet u.a.m. und erleben dabei viel Wohlbefinden. Doch danach … das mag uns auch bekannt vorkommen … bleibt nicht selten ein hohler Nachklang, ein fahler Geschmack, ein flaues Gefühl im Bauch. Nach intensiven Emotionen kriechende Leere. Nach vertaner Zeit die ernüchternde Einsicht, wieder einem Irrlicht, einer Eintagsfliege gefolgt zu sein.

Wie können also Licht und Irrlicht unterschieden werden? Beide sind oft zum Verwechseln ähnlich.

In guter Gesellschaft

Einer, der mit ähnlichen Fragen konfrontiert wurde, war Ignatius von Loyola (1491-1556). Er war ein Ritter; ein ehrgeiziger Hitzkopf mit grossspurigen Männerfantasien. Mit Waffentaten wollte er das Herz einer unerreichbaren Dame erobern. Seine Pläne wurden jäh zunichte gemacht durch eine Kriegsverletzung, die ihn auf ein monatelanges Krankenlager zwang. Ignatius will seine Heldenfantasien mit Ritterromanen nähren. Doch hat es nur Heiligenlegenden und ein Buch über das Leben Christi. Da er viel Zeit hat, wechseln seine Tagträumereien zwischen diesen Welten hin und her. Für Stunden schwelgt er in Männerfantasien. Stundenlang verweilt er bei Vorstellungen, zu leben wie die Heiligen. Hin… und her… Beide Vorstellungswelten faszinieren ihn. Das ist sehr verwirrend, fragt er sich doch, wie sein Weg weitergehen soll. Allmählich entdeckt er aber einen Unterschied in der Qualität: Ist er bei den Ritterfantasien, fühlt er sich glücklich, aber danach… traurig und fade… Es ist wie ein Strohfeuer. Die Gefühle brennen lichterloh, erlöschen aber ebenso schnell. Was bleibt, sind Kälte und Leere. – Wenn er sich vorstellt, Christus wie die Heiligen in einem einfachen Leben nachzufolgen, ist er auch glücklich. Doch der Unterschied: das Glück ist wie eine Glut, die bleibt, andauert und Sinn gibt. Die zweite Vorstellung hinterlässt in ihm einen tiefen Frieden und eine Freude, die ihm Licht auf seinem Weg werden. Diese Entdeckung lässt Ignatius künftig genauer auf seine inneren Bewegungen und ihre Resonanz achten. Das Gespür für die innere Glut wird für ihn zum inneren Kompass, mit dem er fortan seine Entscheidungen trifft.

Eine Übung

Gerade die Fastenzeit kann eine Gelegenheit sein, einmal am Tag still zu werden und aufmerksam in sich zu horchen:

  • Was ist die Resonanz, was ist die Qualität in dem, was ich erlebe?
  • Wo in meinen Lebensgewohnheiten und Tätigkeiten erlebe ich Glut, wo Strohfeuer?
  • Bereitet mir das, was ich tue, wirklich und nachhaltig Freude? Wenn nicht, warum?
  • Kann ich bei dem, was ich tue und wofür ich mich entscheide, wirklich ja zu mir sagen? Passt es zu mir, zu meiner Person und Eigenart? Oder, stimmt da etwas nicht? Was sind die Signale?
  • Wo fühle ich mich tief innerlich ermutigt?
  • Wo erlebe ich zwar Begeisterung und «den Kick», aber danach Leere und Unruhe?
  • Wo könnte ich in meinem Tun neue, stimmigere Akzente setzen? Was ist mir möglich?

Eine sinnerfüllte und wegweisende Zeit auf Ostern hin wünscht

Bruno Brantschen SJ

 

Bild: Bruno Brantschen

 

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